Nackte Tatsachen


schoene-armeWir waren im Schwimmbad. Also schwimmen ist jetzt etwas übertrieben für das, was wir da getan haben. Wir haben uns im Wasser bewegt. Ich war damit beschäftigt, meinen Sohn vorm Ertrinken zu retten und meine Tochter hat Wasser von einem Becherchen ins andere gekippt. Es ist erstaunlich, wie oft man das hinter einander machen kann, ohne dabei komplett wahnsinnig zu werden. Außerdem hat sie es die ganzen zwei Stunden geschafft, nicht einen Tropfen Wasser ins Gesicht zu bekommen. Wie die Omas im Schwimmerbecken, bei denen oft nicht klar ist, ob das auf dem Kopf eine Badehaube oder die Frisur ist. Die schwimmen auch fünfzig Bahnen in drei Stunden und die Dauerwelle sitzt. Ich bewundere sie dafür ernsthaft.
Den größten Teil der Zeit haben wir im Baby-Plantsch-Bereich verbracht. Ich hege den Verdacht, dass das Wasser im Babybecken nicht allein von fossilen Brennstoffen erwärmt wird, sondern dass hier auch erneuerbare Energien in Form von Kinderurin im Einsatz sind.
Es ist ein bisschen so, wie wenn man mit dem Auto zum Bäcker um die Ecke fährt, obwohl man auch laufen könnte. Man fühlt sich ganz wohl im Auto, weiß aber, dass es irgendwie nicht richtig ist.
Also – auch wenn wir schon total aufgeweicht waren und protestiert wurde, aber duschen nach dem Schwimmbad-Besuch ist Pflicht und ein wirklich reinigendes Erlebnis.
Also standen wir nach dem Badespaß in der Gemeinschaftsdusche und seiften uns ein. Das Wort Gemeinschaftsdusche deutet es schon an, wir waren nicht allein. Neben mir und meinem Sohn stand eine junge Frau und tat das gleiche wie wir, nämlich duschen. Während ich mich schrubbte, merkte ich, dass mein Sohn nicht mehr ganz bei der Sache war und sich stattdessen die Frau anschaute. Nein, anschauen ist das falsche Wort. Er starrte sie an. Er stand da mit offenem Mund und glotzte.  Diesen Ausdruck in seinem Gesicht kenne ich sonst nur, wenn eine große Straßenbaumaschine oder ein Traktor an ihm vorbei fährt.
„Mama“ er löste sich aus seiner ehrfürchtigen Starre. „Mama, das ist aber eine schöne Frau.“
Die Frau lächelte und machte einen sichtlich geschmeichelten Eindruck. Ich weiß nicht, ob sie diese Glotzerei so hingenommen hätte, wenn der Junge nicht drei, sondern dreißig gewesen wäre.
„Ja, das stimmt, mein Schatz.“
Er musterte die Frau von oben bis unten und ich war froh, dass er diesmal entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, mit den Augen und nicht mit den Händen schaute.
„Mama, das ist wirklich eine wunderschöne Frau. Die hat so schöne Arme.“
„Ähm, ja. Da hast Du wohl Recht. Perfekte Arme“
Die Arm-Schönheit war fertig und verließ nicht mehr ganz so geschmeichelt, aber dafür belustigt die Dusche. Die hat sich garantiert gleich ihre Arme nochmal genauer angeschaut. Ich musterte hingegen meine und fragte mich, was wohl mit meinen Armen ist. Eigentlich gibt so ein Schwimmbadbesuch meinem Selbstbewusstsein immer einen ordentlichen Schub, sieht man hier doch viele Dinge offen und ungeschminkt, die besser im Verborgenen geblieben wären. Ich rang mit mir, doch irgendein Teufelchen in mir siegte.
„Sag‘ mal Fritz, findest Du die Mama eigentlich auch schön?“
Ich wurde gar nicht angesehen, bekam aber prompt eine Antwort: „Nein.“
Si tacuisse! Wie konnte ich auch nur so dämlich sein und fragen, nachdem neben uns bis vor kurzem noch die Claudia Schiffer der Arme stand.
Meine Tochter, sonst eigentlich nicht besonders auf Zwischentöne programmiert, selbst klare Ansagen laufen bei ihr gerne mal ins Leere, ergriff die Gunst der Stunde. „Aber ich finde Dich schön. Du bist meine schönste Mama der Welt.“
Manchmal ist es besser, wenn Worte unausgesprochen bleiben, und es wäre schön, wenn die Geschichte hier enden würde, doch leider setzte sie noch hinterher: „Kann ich Gummibärchen haben?“

Mein Senf dazu

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