Who the fuck wants Bullerbü!


Ich muss an Beppo Straßenkehrer denken. Sie wissen schon, den aus Momo. Der vor einer langen Straße steht und denkt  „Das kann man niemals schaffen“, und dann immer nur den nächsten Schritt und den nächsten Atemzug in Angriff nimmt und schließlich ohne große Anstrengung die ganze Straße gefegt hat.
Ich will keine Straße kehren, ich stehe auf einem Erdbeerfeld und pflücke Erdbeeren.
Weil sich mein Wohnzeitschriften-, Pinterest- und Instagramgeschädigtes Hirn vorgestellt hat, dass es doch eine ganz prima Idee wäre, so zwanzig Gläser Erdbeermarmelade einzukochen, damit man was zum Verschenken aus der Küche hat, einen süß-saftigen Erdbeerkuchen zu backen und den Rest einfach so entspannt zu naschen, im Garten in der Sonne, umringt von Kindern mit Gänseblümchen-Kränzen auf den Köpfen und allerliebst nackigen Füßen, die es einfach so genießen, das Leben, das Hier und Jetzt.
Und jetzt stehe ich im wirklichen Hier und Jetzt und frage mich, wie ich mein Körbchen mit dem halb abgebrochenen Henkel voll kriegen soll, hier gibt es ja nur vertrocknete oder angefaulte Erdbeeren, wenn es überhaupt noch welche gibt.
Und das schlimmste ist, dass mir jedes Jahr erst auf diesem Erdbeerfeld wieder einfällt, wie scheiße das doch letztes Jahr war, das Suchen nach den wenigen brauchbaren Früchten, die distelzerkratzten Hände und der Sonnenbrand auf dem Maurerdekolleté.

Um mich herum sind noch andere, die Erdbeeren pflücken. Da ist ein Vater mit seinen zwei Söhnen, die ungefähr so alt sind wie meine Kinder.
„Guck mal Marius, hier gibt es ganz große!“, ruft der eine blonde Junge dem anderen zu und Marius hüpft mit seinem Körbchen fröhlich über die akkurat gepflanzten Erdbeerreihen, um dann mit seinem Bruder zusammen friedlich und einträchtig die saftigen Früchte zu ernten, gleichsam darauf achtend, dass die allerschönsten Exemplare direkt in den Mund wandern.

Es gibt sie also tatsächlich, diese Familien, in denen das Leben so funktioniert wie in Bullerbü oder auf Instagram.

Wo die Kinder tagsüber auf Bäume klettern und dort Erdbeeren pflücken und trotzdem abends die weiße Couch nicht schmutzig machen sondern sich artig und mit geputzten Zähnen nach einem gesunden Abendessen mit viel Gemüse, das sie freudig verputzt haben, ins Bett kuscheln, noch einer Gutenachtgeschichte von Mama oder Papa lauschen und sich dann lächelnd in den nächsten Tag träumen.

Ich überlege kurz, wie es wohl wäre, wenn ich meine zwei Chaoten dabei hätte:

„Igitt, Mama, da ist eine Spinne. Ich mach hier jetzt gar nichts mehr. Das ist voll eklig!“
„Können wir jetzt endlich gehen? Ich mag sowieso keine Erdbeeren.“
„Gehen Erdbeerflecken eigentlich aus weißen Hosen wieder raus, Mama? Du musst die Hose gleich waschen, die will ich nämlich morgen anziehen.“
„Mein Körbchen ist voll. Können wir jetzt endlich gehen?“
„Mamaaaa! Der Fritz hat mir Erdbeeren aus meinem Körbchen geklaut! Können wir jetzt endlich gehen?“
„Aber dafür darf ich nachher eine Stunde mehr i-pad spielen!“

Aus diesen Gründen bin ich alleine auf dem Feld und quäle mich durch die Reihen. Der Rücken schmerzt vom Bücken, die Hose ist voller Flecken von den matschigen, fauligen Erdbeeren und die Arme jucken, vermutlich eine allergische Reaktion auf Pflanzenschutzmittel oder so.
Langsam ist wenigstens der Boden des Korbs mit Erdbeeren bedeckt und tatsächlich sind nur ganz wenige davon angefressen.
Mit Grausen denke ich daran, dass ich daheim die Erdbeeren ja auch verarbeiten muss. Waschen, das Grün weg machen und die Dinger in kleine Stücke schneiden, weil das viel besser schmeckt als Marmelade aus pürierten Erdbeeren. Die Finger werden wieder eine Woche lang aussehen, als hätte ich eine schlimme Hautkrankheit oder mir ohne Schutzhandschuhe die Haare mit Henna gefärbt. Und einen Teil der Beeren werde ich wegwerfen, weil ich es doch nicht geschafft haben werde, sie alle zu verarbeiten.
Aber ich werde Marmelade haben. Die dann drei Wochen in der Küche rumsteht, weil ich es nicht schaffen werde, ein paar Etiketten drauf zu pappen, das mit dem Häubchen und dem Zierbändchen werde ich mir dann schon längst abgeschminkt haben.
Aber ich werde Marmelade haben. OK, ich mag eigentlich gar nicht gerne Erdbeermarmelade, aber ich mache die jedes Jahr.
Weil, weil, weil, … – weil halt!

„Marius, bitte keine angefaulten Erdbeeren sammeln, sonst kriegen wir Ärger mit der Mama. Und Philipp, mach mal weiter, das reicht noch nicht“, reißt mich der Vater der beiden blonden Erdbeersammler aus meinen Gedanken.
„Ich habe aber keine Lust mehr“, mault Philipp, „Erdbeeren sind blöd!“

Vielleicht ist dieses Instagram doch nur eine große Illusion?
In unserem Garten, wo die Erdbeeren übrigens nur stecknadelkopfgroß  und in höchst überschaubarer Anzahl wachsen, habe ich unser Hüttchen in schwedenrot gestrichen und die Fenster weißt umrandet. Ich finde, es sieht jetzt sehr einladend und gemütlich aus dort.

gartenhuette-in-schwedenrot

„Uähh, hier sieht es ja aus wie in Bullerbü“,

war der Kommentar des Sohnes, als er mein Werk zum ersten Mal begutachtet hat.

Kann es womöglich sein, dass Bullerbü gar nicht das Ideal ist, für das ich und anscheinend viele andere Eltern es halten?

„Komm, Philipp, wir sammeln jetzt immer fünf Erdbeeren und tun sie ins Körbchen. Du wirst sehen, dann ist es ruckzuck voll“, ermutigt Marius in bester Beppo-Straßenkehrer-Manier jetzt seinen Bruder.

Ich blicke auf mein halbleeres Körbchen und auf die Erdbeerstraße vor mir.
Vielleicht denke ich mal ein wenig weiter: Wenn die Aufgabe nicht nur unlösbar, sondern vor allem total unsinnig scheint, dann ist es womöglich auch völlig legitim, sie abzubrechen oder gar nicht erst anzufangen. Es gibt bestimmt noch andere Wege, die nach Bullerbü führen.
Wenn ich da überhaupt hin will.

Erst mal führt mich mein Weg in den Supermarkt.
Ich habe mir sagen lassen, Schwartau macht ganz anständige Marmelade.

2 Gedanken zu „Who the fuck wants Bullerbü!

  1. Mrs Postman

    Haha das habe ich auch mal gemacht. Stellte mir das irgendwie – romantisch oder so – vor. Es war aber hauptsächlich nervig und anstrengend. Und ich fand die Beeren dann am Ende viel zu teuer dafür, daß ich sie mühsam selber pflücken mußte. Zwei Wochen später erreichte mich eine Einladung aus dem Freundeskreis, dass die Kirschen geerntet werden müssten, das würde doch soooo Spaß machen, ob ich nicht auch kommen wolle. Nein, ich wollte nicht 😡

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