Reformationstag


Ich habe nachgedacht. Was, wenn man meinen Mann fragt, nicht allzu häufig vorkommt.
Meist behalte ich das, worüber ich nachgedacht habe, für mich. Heute aber nicht.
Dies hier ist also eine Geschichte aus der Rubrik „Frau Sandkuchen macht: sich Gedanken“.

Und zwar über Gott und die Welt. Tatsächlich wörtlich zu verstehen.

Ich war nämlich in der Kirche. Ich gehe ganz gerne in die Kirche. Weil es mich irgendwie beruhigt und erdet. Ich muss nicht eine Woche in ein Schweigekloster, eine Stunde sonntags in der Kirche reicht mir da.
Keine Medien, die auf mich einprasseln und mich verführen wollen (ach, noch mal kurz Instagram checken, noch gerade die Staffel Good Wife zu Ende netflixen), kein „Mama, Mama, Mama“, nur ich und meine Gedanken.
Außerdem glaube ich tatsächlich an ein übermächtiges Wesen. Weil ich keinen anderen Namen dafür habe, nehme ich bequemer Weise den, den sehr viele Menschen nehmen, und nenne es Gott. Mir ist schon so vieles passiert, das ich mir nicht anders erklären kann, als dass da jemand die Fäden in der Hand hält und es meist sehr gut mit mir meint. Und ich brauch dieses Konstrukt für meine innere Ordnung.
Ich habe durchaus versucht, mir das ganze vom Werden und Sein wissenschaftlich zu erklären, aber ich stoße da immer wieder an Grenzen. Und ich mag keine ungeklärten und unerklärlichen Dinge.
Außer meine Kinder natürlich, obwohl mir hier sehr viel nicht verständlich ist.

Aber zurück in die Kirche. Da war ich also mal wieder vor zwei Wochen und es war wie meist, nämlich furchtbar.
Es waren mit mir, dem Pfarrer, dem Organisten, der Kantorin und der Frau aus dem Kirchenvorstand, die die Schriftenlesung übernommen hat, insgesamt 22 Menschen in der Kirche. Und eigentlich muss man die sechs anwesenden Konfirmanden abziehen, die kommen nicht weil sie wollen, sondern weil sie dazu gezwungen werden.
Bis zur Konfirmation müssen sie 25 Gottesdienstbesuche abgesessen haben, sonst gibt es keine Zulassung und ergo kein Geld und keine Geschenke.
Denn deswegen machen die das doch. Machen wir uns da mal nichts vor.

„Ich glaube nicht an Gott, ich mach das nur fürs Geld“

Hatte meine Tochter klipp und klar verkündet, als wir sie für den Konfirmandenunterricht angemeldet haben.
„Bitte sag das so nicht dem Pfarrer ins Gesicht“, habe ich sie noch gebeten.
Ansonsten soll sie diese Einstellung haben. Da bin ich nicht so. Jeder soll glauben, woran er möchte, an einen oder mehrere Götter, an Feen und Trolle, das Spaghetti-Monster oder eben an gar nichts.
Meine Tochter soll auch nicht konfirmiert werden, wenn sie das nicht will, aber sie soll sich das anschauen und die christlichen Werte noch mal vertieft vermittelt bekommen.
Der Sohn meiner Freundin hat nach einem Jahr Konfiunterricht entschieden, dass er nicht konfirmiert werden möchte. Ich bewundere ihn dafür sehr.

Ich erinnere mich an meine Konfizeit sehr gerne zurück, an das Gemeinschaftsgefühl und vor allem an die Konfifreizeit.
Nicht, weil wir da durchgängig gebetet und uns über Gott unterhalten hätten.
Nein, es ging einfach darum, zu merken, dass man langsam groß wird, dass man anders ernst genommen wird, um Gemeinschaft mit anderen.
Darum, dass man sich gegenseitig annimmt, wie man ist.

Das geht bestimmt auch anders, aber auch bei meiner Tochter merke ich, dass der Samen gesetzt ist und langsam aufgeht.
Bislang hat sie sich nicht als das mitfühlendste Wesen der Welt geoutet.
Sie hat einen gesunden Abstand zu Problemen und Nöten anderer.
Mit ihrer Konfigruppe war sie neulich in einer Ausstellung, in der es um das Thema Flüchtlinge ging. Jeder hat dort eine neue Identität bekommen, Lina war ein Mädchen aus Syrien, das ohne Eltern über das Mittelmeer flüchten musste.
Sie war sichtlich bewegt, als sie wieder nach Hause kam: „Und stell Dir vor, Mama, die Pia kam aus Russland und hat kein Asyl bekommen. Die ist einfach wieder weggeschickt worden. Dabei war die doch auch total arm und hatte eine gefährliche und anstrengende Flucht.“
Anschließend hat sie sogar noch eine Geschichte über das Mädchen geschrieben, das sie in dieser Ausstellung kurz mal war.

Lina war schon auf zwei Konfifreizeiten und kam irgendwie anders zurück. Reifer vielleicht, glücklich auf jeden Fall. Diese Gruppe tut meiner Tochter definitiv gut.
Auch der Kindergottesdienst war immer sehr schön. Da wurde vorgelesen, gebastelt, gemeinsam gesungen und für das Krippenspiel an Weihnachten geprobt.

Und dann geht man als Konfirmand oder Erwachsener in die Kirche und es ist grauenvoll: Die Lieder im evangelischen Gesangbuch sind größten Teils unsingbar, die Töne willkürlich aneinandergereit, die Texte hahnebüchen und handeln immer wieder vom gleichen Thema: Ich bin doof und Gott ist groß.
Die Predigten sind häufig weltfremd und nicht mitreißend. In 90 Prozent aller Predigten gelingt es mir nicht, länger als zwei Minuten konzentriert zuzuhören. Da reißt mich nichts mit.
Und die Gemeinschaft, die im Kindergottesdienst und im Konfirmandenunterricht noch so groß war? Jeder der anwesenden Kirchenbesucher hat drei Reihen für sich und den Abstand nutzt er auch aus.

Es gibt tatsächlich tolle Orgelmusik, aber im Gottesdienst klingt das Georgel immer nur nach Dienst nach Vorschrift. Schnell, uninspiriert, holprig – da werden bei weitem nicht alle Register gezogen.

Das ist jetzt  nicht nur bei mir in der Kirche so. Das ist in vielen Kirchen so.
In vielen ist es sogar noch viel schlimmer als bei uns.

Es geht aber auch anders. Habe ich auch schon erlebt. Tolle Predigt, der ich komplett zuhören konnte und die mich zum weiteren Nachdenken angeregt hat, umrahmt von wunderschönen Liedern, die tatsächlich auch im Gesangbuch stehen.
Leider waren da aber auch nicht mehr Menschen in der Kirche als an diesem letzten Sonntag.
Das macht mich traurig. Denn ich finde, dass Kirche etwas sein kann, das vielen Menschen Halt und Gemeinschaft geben kann. Nur nicht so.
Und ich möchte auch nicht zehnmal in die Kirche gehen, um einmal zu sagen: Diesmal war gut.

Ich wünsche mir, dass die Kirche das Reformationsjubiläum  zum Anlass nimmt, und eine neue Reformation startet.

Keine Angst, ich schlage jetzt hier keine 95 Thesen an meine virtuelle Tür, aber ein paar Ideen habe ich schon:

Es fängt für mich damit an, dass erst mal neunzig Prozent der Lieder aus dem Gesangbuch gestrichen werden sollten.
Und die neuen Lieder, die da reinkommen, müssen die Seele der Menschen berühren, sie müssen leicht mitzusingen sein und vor allem darf sich nicht in jeder zweiten Strophe Armen auf Erbarmen reimen oder Gnade auf Pfade.
Man könnte einen Wettbewerb ausschreiben und die Menschen online für ihre Favoriten abstimmen lassen. Dann muss man auch keinen Proporz berücksichtigen, sondern motiviert die künftigen Kirchgänger über Mitentscheidung zum nächsten Gottesdienstbesuch.

Apropos „Gottesdienst“. Was soll eigentlich dieser Name?
Ich war mal kurz nach der Wende in Ostdeutschland und war sehr verstört über die Schilder „Feriendienst“, die an den Pensionen dort hingen. Man fährt doch an die See, um Urlaub zu machen, nicht um dort weiter zu arbeiten oder irgendwelche Frondienste zu leisten.
Und in die Kirche möchte ich nicht, um Gott zu Diensten zu sein, sondern um spirituell Kontakt aufzunehmen, aus welchen Gründen auch immer.
Ich glaube kaum, dass Gott darauf angewiesen ist, dass ich in die Kirche komme, ihn nach festgelegten Regeln anbete, dann wieder nach Hause gehe und meine Kinder anmecker. Ich wünsche mir für den Kirchenbesuch einen neuen, zeitgemäßen Namen.

Der nächste Schritt ist für mich, dass nicht mehr einer über anderen auf der Kanzel steht und etwas in eine Richtung predigt, sondern dass man im Kreis zusammen sitzt und vielleicht einer ein Thema vorgibt und man gemeinsam darüber diskutiert und nachdenkt. Vielleicht bringt auch jeder was zum Frühstücken mit und man macht hinterher ein gemeinsames Picknick. Dann lernt man sich auch gegenseitig kennen und muss nicht mehr drei Bankreihen Abstand zum nächsten Kirchgänger halten.

Wenn ich als Kind in der Kirche war, habe ich mir immer vorgestellt, dass der liebe Gott, mit dem ich in der Kirche Kontakt aufnehmen wollte, an das Dach der Kirche klopft, ihn aber keiner rein lässt, weil die Mauern so dick sind und die Gottesdienstabläufe so festgefahren. Ich habe mir dann immer gedacht: „Keine Sorge, lieber Gott, heute Abend in meine Bett kannst Du mich wieder hören und sehen.“

Wenn das Wetter also schön ist, dann kann man sich doch auch einfach in den Kirchgarten setzen, die Sonne genießen und sie als Wunder Gottes begreifen. Genau wie die Blumen, den Wind und die Vögel.
Dann muss meine kindliche Vorstellung von Gott auch nicht mehr verzweifelt aufs Dach klopfen.

Zeit für ein neue Reformation

Ich würde mir wünschen, dass 500 Jahre nach Luthers Reformation jetzt die Zeit gekommen ist, mal wieder ein paar Mauern einzureißen.
Denn den christlichen Gedanke, die Werte und das gemeinsame Leben der Werte halte ich persönlich nach wie vor sehr wichtig und ich würde mir wünschen, dass auch meine Enkelkinder mal die Möglichkeit haben werden, in einer christlichen Gemeinde Trost, Ruhe und Halt zu finden, wenn sie es wollen.

Meiner Tochter kann ich es, so lange Kirche so ist, wie sie jetzt ist, nicht verdenken, dass sie die Gretchenfrage mit „Ist nicht so mein Fall“ beantworten wird.

Amen.

 

5 Gedanken zu „Reformationstag

  1. Carola

    Danke für deinen Text 🙂 da steckt viel Wahres drin.
    Eine zeitgerechte Kirche sieht anders aus, als das was wir heute haben. Aber ich weiß gar nicht so recht, ob das auch alle wollen.

    Bei uns wurde zum Beispiel mal eine sehr moderne Version der Weihnachtsgeschichte aufgeführt – von den Jugendlichen die zur Konfirmation gingen. So richtig modern mit ungewollter Schwangerschaft, Beratung bei ProFamilia und die Geburt fand dann später nicht in einem Stall, sondern im Geburtshaus statt – als gutes Ende sozusagen.
    Der Pfarrer, der das organisiert hat, wurde solange gemobbt bis er gegangen ist. So viel zum Thema Nächstenliebe.

    Da sind wir wohl noch eine Weile entfernt von der modernen Kirche…

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  2. Pingback: Sonntags Top 7 #85 | antetanni sagt was | antetanni

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