Sandkasten-Stories


Früher habe ich mir immer einen großen Bruder gewünscht. Stattdessen habe ich einen kleinen Bruder und dazu noch eine kleine Schwester. Inzwischen weiß ich sie beide zu schätzen,  aber als kleines Mädchen dachte ich, ein großer Bruder müsste das coolste auf der Welt sein. Man könnte mit ihm angeben und er könnte einen vor den doofen Jungs auf dem Schulhof beschützen. Ich weiß nicht, ob große Brüder so etwas wirklich machen, aber auf jeden Fall machte es immer Eindruck, wenn jemand sagte: „Lass‘  das, sonst hole ich meinen großen Bruder.“
Mit großem Bruder warste quasi der King im Revier.

Inzwischen habe ich festgestellt, dass auch kleine Brüder toll sein können.
Es ist schon ein paar Jahre her, Lina war ungefähr vier und Fritz knapp zwei Jahre alt. Wir waren auf dem Spielplatz und Lina hat ausdauernd und hochkonzentriert an einem Sandgebilde gearbeitet. Da kam ein fremder Junge, ich schätzte ihn auf ungefähr fünf bis sechs Jahre, und hat mit einem Tritt und großem Vergnügen die mühe- und liebevoll aufgebaute Sandburg wieder zerstört. Ein böser Blick von Lina, aber unverdrossen begann sie mit dem Wiederaufbau.
Kurz vor dem Richtfest schlug, respektive trat der fiese Junge wieder zu. Lina kam wütend zu mir gelaufen und maulte. „Der macht mir die ganze Zeit meinen Vulkan wieder kaputt, der Blödmann.“
Ach so, ein Vulkan sollte das sein. „Und was soll ich da machen? Sag‘ ihm doch einfach, wenn er das nochmal macht, dann holst Du deinen kleinen Bruder.“
Offensichtlich hat Lina meinen Vorschlag nicht als Scherz aufgefasst, wie er eigentlich gemeint war, denn nach dem nächsten Sabotage-Akt des älteren Jungen lief sie zu ihrem Bruder, der gerade Fußball gespielt hatte, redete auf ihn ein und zerrte ihn zur Sandkiste. Der kleine Knopf stellte sich dann tatsächlich vor den deutlich größeren Jungen, drohte ihm mit dem Zeigefinger und sagte eines der wenigen Worte, die er damals konnte: „Uiuiui!“
Das bekam er zu dieser Zeit in der Krippe häufiger zu hören, weswegen ihm diese Art des Tadelns geläufig war.
Erwartungsgemäß beeindruckte das den anderen wenig, obwohl er doch ein wenig verdutzt aussah.
Lina reichte das aber noch nicht. Ich hörte, wie sie ihren Bruder aufforderte: „So, und jetzt hau‘ ihn!“
Dieses raffinierte Luder. Macht sich selbst nicht die Finger schmutzig und schickt ihren Bruder in eine Prügelei mit einem deutlich größeren.
Der treue Fritz holte also aus und haute den anderen tatsächlich einmal auf den Arm und einmal auf die Brust. Und der fremde Junge?
Ließ tatsächlich vom Vulkan ab und Lina konnte weiterspielen.

Es ist also keine Frage, ob ein Bruder älter oder jünger, kleiner oder größer ist. Es kommt einzig darauf an, wie gut man ihn im Griff hat.
Etwas muss Lina daran aber noch arbeiten, denn nachdem der andere Junge sich getrollt hatte, hat die Vulkanzerstörung ihr Bruder übernommen.

2 Gedanken zu „Sandkasten-Stories

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