Ein Deutscher, ein Amerikaner und ein Chinese….


Wenn eines meiner Kinder so anfängt, dann weiß ich, dass ich am besten schnell verschwinde oder jetzt  sehr viel Geduld haben muss.
Es folgt nämlich eine Arie von Witzen, die ich das letzte Mal vor ungefähr 25, eher 30 Jahren gehört habe und auch damals schon nur mäßig komisch fand. Jeder Witz dauert ungefähr so lange wie eine Sandmännchen-Folge und hat in etwa den gleichen Spannungsgrad.
Dabei hege ich die irrsinnige Hoffnung, dass die Pointe nicht vorzeitig und komplett verdreht gesetzt wird. Mein Schauspieltalent hat nämlich ungefähr das Niveau einer Kartoffel und darum hoffe ich inständig, dass wenigstens am Ende der Geschichte noch ein Hauch von Witz zum ehrlichen Lachen übrig bleibt – ich will ja keine Spielverderberin sein und meine Kinder nicht enttäuschen.
Ich möchte auf keinen Fall, dass mir in zwanzig Jahren der Psychotherapeut meiner Kinder die Schuld an seiner horrenden Rechnung gibt – auch wenn das vermutlich eh schon zu spät ist.Aber auch mit richtig gesetzter Pointe fällt mir das Lachen schwer. Ich habe einfach schon alle vorgetragenen Witze mindestens zwanzig Mal gehört und auch beim ersten Mal war jeder einzelne schon so Comedy-Preisverdächtig wie eine Werbedurchsage im Supermarkt.
Das liegt aber nicht etwa daran, weil ich über einen riesigen Fundus an Witzen verfüge und sie erzählen kann wie Guido Cantz.
Ganz im Gegenteil. Im Witze-Versemmeln bin ich meinen Kindern durchaus ebenbürtig.
Nein, ausnahmslos  alle Witze, die meine Kinder aus Kindergarten und Schule mitbringen, haben schon damals mich sozialisiert oder vielleicht eher aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, weil ich schon früher nie gelacht habe.
Und es ist tatsächlich in all den Jahren nicht ein neuer dazugekommen!
Alles noch Original wie in den Siebzigern und frühen Achtzigern. Wenn da in einem Witz ein Schokoriegel vorkommen würde, dann hieße der auch Raider und nicht etwa Twix. Bei den Witzen ändert sich einfach nix.
Letzte Woche hatte ich kurz Hoffnung, da kam mal ein neuer dazu:

„Mama, kennste den? Fritzchen sagt zu seiner Mama…“

Wenn man einem solchen Witz-Feuerwerk ausgesetzt ist, macht man sich natürlich so seine Gedanken.
Zuerst habe ich mich darüber gefreut, dass meine Kinder wohl nie als Clown im Zirkus enden werden oder als Comedian bei Thomas Herrmanns.
Als nächstes keimte in mir die Frage auf, wo diese „Deutscher, Amerikaner und Chinesen“ und „Fritzchen“ Witze in den letzten dreißig Jahren wohl waren?
Meine persönliche Theorie ist, dass es sich mit diesen Witzen so verhält wie mit den Erkältungs-Viren: Im Sommer keine Spur davon und kaum wird es ein paar Grad kälter,  zack sind sie wieder da wie die Zusatz-Kilos nach Weihnachten, bleiben erst einmal und nerven.

Tatsächlich habe ich beim weiteren Philosophieren noch mehr Parallelen zwischen schlechten Kinderwitzen und Schnupfen-Erregern festgestellt: Wenn die Nase läuft, dann läuft sie und wenn ein Kind mit einem Witz beginnt, dann hört es so schnell auch nicht mehr auf.
Und wie bei Schnupfen hat auch noch niemand ein wirksames Gegenmittel gefunden. Außerdem tritt beides wiederholt auf: eine Erkältung bekommt man immer wieder und Kindern machen Witze scheinbar erst dann Spaß, wenn sie den gleichen mindestens fünf Mal hintereinander erzählen.

Aber wie und wo haben diese Witze die Zeit eigentlich unverändert überdauert und wieso tauchen sie jetzt so plötzlich wieder auf?  Waren sie eingeschlossen in einer Zeitkapsel  und wurden wiederentdeckt? War ich unfreundlich zu den Kindergarten-Tanten und sie haben mit den Kindern aus reiner Bosheit heimlich schlechte Witze geübt um mich zu zermürben?
Ich finde, hier sollte die Wissenschaft mal ansetzen, ich habe nämlich die starke Vermutung, dass schlechte Witze und Erkältungskeime die Zeiten in den Biotopen Kindergarten und Schule überdauern.
Wenn das bewiesen wird, bekomme ich dann auch einen Teil vom Nobelpreis?

Immerhin scheint auch zumindest meinem Jüngsten das Nerv-Potenzial seiner Witze bewusst zu sein, jedenfalls warnt er mich jetzt immer, bevor er einen los lässt:

„Vorsicht, Mama: Gleich wird’s witzig! Ein Chinese, ein Amerikaner und ein Deutscher wetten….“

Mein Senf dazu

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