Summer in the City


Endlich Sommer! Endlich zeigt das Thermometer über dreißig Grad an.
Ich mag das ja, wenn es so brutzelwarm ist. Vor allem wenn es vorher so lange geregnet hat.
Natürlich müssen wir raus bei dem Wetter. Aber nicht ins Schwimmbad. Da bin ich immer kurz vor Amoklauf bis ich endlich einen Parkplatz gefunden und anschließend eine halbe Stunde in der prallen Sonne in der Schlange gewartet habe, bis mir Einlass gewährt wird. Dann ist es normalerweise viertel vor fünf, aber die Viertelstunde bis es günstiger wird, will ich dann auch nicht mehr warten. Drinnen darf man sich dann über ein pieselwarmes Wasserbecken voller Menschen freuen, das von einem Sonnenölfilm bedeckt wird, als wäre dort vor fünf Minuten ein Schweröltanker havariert.
Der anschließende Weg zum Handtuch ist gespickt mit fiesen kleinen Stöckchen und holzigen Baumfrüchten, die sich trotz Hornhaut tief und schmerzhaft in die Füße bohren. Wenn man Glück hat, dann tritt man anschließend zur Kühlung in ein heruntergefallenes Eis, meist sitzt da jedoch leider schon eine Wespe drauf, die das nicht so toll findet.

„Ich habe heute Morgen im Park ein total lauschiges Eckchen entdeckt. Da können wir hingehen, haben unsere Ruhe und die Jungs und der Hund können im Bach spielen“, begrüßt mich meine Freundin Britta.
Das klingt nach einem Plan.

„Wenn Du mir noch einmal Deinen Ball an den Rücken donnerst, dann gehe ich sofort nach Hause, hole Schäufelchen und Eimerchen und dann gehen wir auf den Spielplatz und Du kannst im Sandkasten buddeln, Freundchen!“
Später werden mein Sohn und ich uns beide noch wünschen, dass er sich von meiner Warnung auf dem Weg zu Brittas Super-Idyll besser nicht hätte abschrecken lassen sollen.

Wenn ich es nicht besser wüsste, müsste ich vermuten, dass Britta für Reisekataloge textet und die verrumpeltsten Bruchbuden als Luxusherberge anpreist.
Bei ihrem lauschigen Eckchen scheint es sich nämlich eher um ein Liebhaberstück zu handeln. Zumindest mir erschließt sich nicht unmittelbar der Zauber des Ortes.
Eine kleine Schneise führt uns durch dichtes Gebüsch an eine gepflasterte Stelle, von der man einen ganz hervorragenden Ausblick auf die übermannshohe Parkmauer hat.
„Wunderbar“, freut sich Britta, „Keine Sonne. Ist doch herrlich hier! Habe ich zu viel versprochen?“

Wir breiten unsere Decke auf dem harten Grund aus und die Kinder hüpfen gleich in den Bach. Tief versinken die Füße im modrigen Matsch.
„Passt auf, da könnten Glasscherben sein!“
„Ich hab eine!“
„Ich auch!“
Und ich bleibe lieber draußen.

Eine ältere Dame tritt auf den Balkon im Dachgeschoss des Hauses hinter der Parkmauer.
„Na, super! Das hat mir ja gerade noch gefehlt“, bemerkt sie brummelig mit einem Blick auf die Kinder, die zur Bacherkundungstour aufbrechen.
Offensichtlich ist der Frau das lauschige Plätzchen ohne uns lieber. Ein bisschen habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich kann mir schon vorstellen, dass wir sie beim Staubsaugen stören. Damit beginnt sie nämlich jetzt. Ich bin beeindruckt: ich hatte mir bis zu diesem Moment nicht vorstellen können, dass man eine halbe Stunde lang einen drei Quadratmeter großen Balkon saugen kann.

„Ich geh mal mit den Kindern und dem Hund den Bach nach oben“, verabschiedet sich Britta.
Ist mir recht. Ich habe ja Gesellschaft. Ich bin nämlich sehr beliebt bei der Stechmückenpopulation, die dieses lauschige Eckchen zu ihrem Hoheitsgebiet erklärt hat und verbissen verteidigt. Ich habe wirklich alle Hände voll zu tun.

Wenn man die Augen schließt, dann könnte man sich vorstellen, dass das Rauschen der Autos von der nahen Hauptverkehrsstraße Wellen sind, die an den Strand schlagen. Und das Brummen des Staubsaugers von schräg oben gegenüber könnte vielleicht ein Boot sein.
Aber ich darf nicht wegdösen. Ich habe einen Job zu erledigen. Ich allein gegen tausend blutrünstige Schnaken. Ich bin Schnak Norris!

Was schwimmt denn da auf dem Bach in meine Richtung? Das ist doch nicht etwa …?
Ja, es ist tatsächlich eine Ratte. Eine tote Ratte, um genau zu sein. Auf dem Rücken, alle Viere von sich gestreckt, gleitet der aufgedunsene Kadaver an mir vorbei. Igitt, ist das widerlich! Das Viech sieht aus, als würde es jeden Moment platzen, so prall ist es aufgepumpt von Faulgasen. Jetzt hängt es an dem Brett fest, das den Bach aufstaut, um ihn in zwei Läufe zu teilen.

bachratte-800

„Habt Ihr was damit zu tun?“, rufe ich den Kindern und meiner Freundin entgegen, als sie von ihrer Bacherkundung zurückkehren. Alle schauen mich verständnislos an, nur einer merkt, worauf ich hinaus will:
„Nein, Hund! Nicht da hin! Bloß nicht!“
Jetzt kommt der Hund schwanzwedelnd auf mich zu, um kurz vor mir stehen zu bleiben.

Ich bin übersät mit kleinen schwarz-braunen Sprenkeln, als der Hund mit Trockenschütteln fertig ist. Ein bisschen sehe ich aus wie Pippi Langstrumpfs Pferd. Ein bisschen mehr rieche ich jetzt auch danach.

„Guck mal, was wir gefunden haben!“

Fantastisch, was man im Parkbach so alles findet. Ein Riesensieb, das mal zu einer Fritteuse gehört haben mag, eine unvollendete Marmorhand und der lange Stab, der über ein Gelenk mit einem anderen verbunden ist, war vielleicht mal Teil eines riesigen Sonnenschirms. Aber das ist gewiss lange her. Jetzt ist das Ding nämlich unverzichtbares Teil einer Detektiv-Schatzsucher-Bachräuber-Hierjetztirgendwaseinsetzen-Ausrüstung.
Über das gewaltige rostige Rohr, das die Kinder angeschleppt haben, möchte ich nicht weiter nachdenken. Wird schon keine Fliegerbombe aus irgendeinem antiken Krieg sein.
Zeit dafür habe ich eh keine, ich muss ja weiter fleißig Schnaken kaputt hauen.

„Äh, Hund, was hast Du denn da wieder aus dem Wasser gefischt?“, wundert sich meine Freundin.
Es könnte einfach nur ein Stöckchen sein, das sich in Taschentüchern verwurschtelt hat. Als würde es sich um ein Geschenkpäckchen handeln, rupft der Hund das weiße Zeug ab und legt die Reste netterweise auf dem Haufen mit ähnlichem Abfall ab, der ein Stück neben uns aufgetürmt ist. Mein Blick fällt auf ein aufgerissenes Kondombriefchen. Anerkennend nicke ich meiner Freundin zu: „Du bist anscheinend nicht die Einzige, die die Lauschigkeit des Fleckens entdeckt hat und zu würdigen weiß.“
„Ja, ja, ja! Du hast ja recht. Vielleicht gibt es nettere Plätze im Park als diesen hier.“ Anscheinend hat Brittas rosarote Brille auch ein paar schwarze Sprenkel beim Schütteln ihres Hundes abbekommen.
Zwei Scheiben schimmliges Brot schwimmen zustimmend an uns vorbei.
„Immerhin ist noch niemand in eine Glasscherbe getreten.“
In dem Moment kommt mein Sohn angehumpelt.

Falls es in diesem Sommer noch mal einen heißen Tag geben sollte, dann suche ich mir doch lieber ein anderes lauschiges Plätzchen im Park als „Mosquito-Island“.

Aber vielleicht gehe ich auch einfach ins Freibad.

3 Gedanken zu „Summer in the City

  1. schnipseltippse

    Jetzt musst du für die Nicht-Hessen aber noch erklären, dass man in Hessen unter Schnaken die kleinen Stechmücken versteht.
    Andernorts sind das nämlich die größeren, die nicht stechen. Musste ich auch erst mal lernen, nach meiner Auswanderung.
    Schnake un‘ Mücke, die eigentlich Fliegen sind und die Schnaken sind Mücken. So… und jetzt sind alle verwirrt. Schönes Wochenende😂

    Gefällt 1 Person

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