Im Schwimm-Boot-Camp


schwimmen
„Ich wollte Tim für den Schwimmkurs anmelden, möchte Lina mitkommen?“, fragt mich meine Freundin.
„Mhm. Die sind doch erst vier. Findest Du das nicht ein bisschen früh?“
„Die werden doch im Verlauf des Kurses fünf, das passt schon.“

OK, inzwischen ist ihre Aussprache besser, aber Haarewaschen ist für uns beide jedes Mal eine schreckliche Tortour. Wir haben schon alle möglichen Hilfsmittel ausprobiert, um die Haare so auszuspülen, dass bloß kein Tröpfchen Wasser ins Gesicht springt, aber nichts war wirklich zufriedenstellend. Wie soll dieses Kind jemals Schwimmen lernen? Wichtiger fände ich ja so einen Kurs für Fritz. Der springt nämlich voller Freude in jedes Becken hinein, egal ob da einer drin ist, der ihn auffängt oder nicht. Wenn der untergeht und Wasser schluckt, dann freut der sich noch total. Allerdings ist der erst zwei und so kleine nehmen sie dann wirklich nicht. Nachdem mir meine Freundin versichert hat, dass es irre schwierig ist, in dieser Schwimmschule überhaupt einen Platz zu bekommen, willige ich ein.

An einem Samstag im September (2009) ist es dann soweit. Im Badeanzug und mit einem Schwimmgürtel ausgestattet stehen die Kinder im Kreis um die Schwimmlehrerin, einer ehemaligen Olympiamedaillengewinnerin aus Ostdeutschland. Die Frau hat ein Kreuz wie ein ausgewachsener Braunbär, wenn die neben einem steht, muss man sich im Sommer nicht um Schatten sorgen. Die Schwimmlehrerin sieht nicht nur aus wie ein Drill-Seargent, sie ist auch eine Freundin klarer Ansagen.
„So, im Becken ist genug Wasser, ich will hier keine Tränen sehen. Und jetzt rein mit Euch!“
Wenn ich so mit Lina gesprochen hätte, hätte sie mir einen Vogel gezeigt und wäre abgedampft. Aber jetzt steigt sie brav hinter ihrem Freund Tim in das mindestens zwei Meter tiefe und gefühlte 10-Grad kalte Becken. Nun gut, sie hält sich am Rand fest und wird diesen im Verlauf des Kurses auch nur einmal kurz loslassen, aber sie ist bis auf den Kopf im kalten Wasser und strampelt vor sich hin und hält sich an die Ansage, nicht zu heulen.

Erstaunlicherweise gefällt Lina der Schwimmkurs, der so vollkommen frei von Kuschelpädagogik ist, sogar ausgesprochen gut. Manchmal macht das Training auch die Schwiegermutter der Schwimmlehrerin, bei der mein Mann schon schwimmen gelernt hat. Die hat eine Metallstange, mit der sie die Kinder, die sich festhalten wollen, immer vom Rand wegschubst. Wenn jemand wirklich nicht mehr kann, dann reicht sie aber auch mal großzügig die Stange zum Festhalten und Rausziehen.

Nach drei Wochen Schwimmkurs will mein Mann von mir wissen, wie sich Lina denn so im Schwimmkurs macht: „Ist sie die Beste?“
„Ach, weißt Du, so würde ich es vielleicht nicht unbedingt ausdrücken“, antworte ich.
Tatsächlich hält sie sich immer noch am Rand fest, während viele andere sogar schon Päckchen von ihrem Schwimmgürtel abnehmen konnten und vom Startblock ins Wasser springen.
Wir fuhren während dieses Gesprächs gerade im Auto und Lina saß dabei auf der Rückbank: „Doch Mama. Ich bin die Beste. Die Schwimmlehrerin hat mich heute als einzige gelobt.“
Das stimmte allerdings. Am Ende der Schwimmstunde gibt es nämlich immer noch eine Gruppen-Manöverkritik:
„Lasse, das mit den Froschbeinen war heute gar nichts, das muss besser werden. Paul, die Beine waren schon ganz ok, aber die Arme musst Du richtig durchziehen. Und Lina: auf Dich  war ich heute ganz, ganz stolz: Du hast den Beckenrand losgelassen und die Nasenspitze ins Wasser getaucht – weiter so! Ansonsten sah das zwar noch nicht aus wie im Fernsehen, aber das kriegen wir auch noch hin.“

Lina hat dann in der letzten Stunde des zweiten Kurses endlich auch das letzte Päckchen ihres Schwimmgürtels ablegen können und gleich darauf das Seepferdchen geschafft, sogar noch vor Tim. Der war zwar schon länger ohne Päckchen unterwegs, hatte aber bislang noch keine ganze Bahn ohne Pause durchgehalten. Als er von Linas Triumph erfuhr, ist er unmittelbar darauf ins Wasser gesprungen und hat sich durch die Bahn gequält. So hat jeder etwas, das ihn motiviert.

Mittlerweile hat Lina ihr Gold-Abzeichen bestanden und schwimmt bei Wettkämpfen mit. Sie ist in ihrer Altersklasse sogar 2. Über 50 Meter-Freistil bei den Wiesbadener Stadtmeisterschaft 2013 geworden.
Ärgerlicherweise ist es ihrem Bruder bei der gleichen Veranstaltung gelungen, selbsternannter „Stadtweltmeister“ in der Disziplin 25-Meter-Strampelbeine zu werden. Die Disziplin „Paddeln wie ein Hund“ wurde leider nicht geschwommen, da ist er nämlich ansonsten auch ganz gut.

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