Wahl(los)verwandtschaften


„Mama. Wie heißen denn Omas?“
„Du weißt doch wie deine Omas heißen, Fritz. Oma Luise und Oma Wauwau.“
„Das meine ich nicht. Opas heißen doch auch ‚Senioren‘, aber wie heißen Omas?“
„Seniorita“, war Linas fachkundige Antwort von der Rückbank.

Da die beiden im Auto quasi gefangen waren,  konnten sie nicht abhauen und quittierten somit meinen darauf folgenden Vortrag, dass es sich bei Senior um den Komparativ des lateinischen Adjektivs senex handelt, was so viel wie alt bedeutet, mit Ohren-Zuhalten und Lalala-Singen.
Somit entging ihnen, dass man nicht unbedingt Nachkommen gezeugt haben muss, um ein Senior zu sein. Alt werden kann man auch ohne Enkel. Alt aussehen sowieso.
Aber das mit den verwandtschaftlichen Beziehungen ist ohnehin nicht so das Ding meiner Kinder. Den ganz großen Durchblick haben sie da noch nicht.
Immerhin wissen sie, dass Stephan und Dani ihr Onkel und ihre Tante sind. Das ist aber auch nicht so schwierig, da beide seit Anbeginn den Onkel und die Tante quasi als Titel in ihrem Namen tragen. Wie meine Geschwister heißen – nämlich Stephan und Dani –  wissen sie hingegen nicht, beziehungsweise bekommen sie immer erst nach mehrmaligem Raten heraus. Dass die Schwester ihres Vaters Henriette heißt, ist eher bekannt, dass es sich dabei aber um eine weitere Tante handelt, überrascht die Kinder immer wieder aufs Neue. Henriette verzichtet auf das ‚Tante‘ in der Anrede, da sie findet, dass das so alt klingt – quasi nach Seniorita.

Bei der verwandtschaftlichen Eingruppierung der jeweiligen Freunde meiner Geschwister verhält es sich noch schwieriger. Dass der Flo eigentlich auch ein Onkel ist, haben beide nicht wirklich auf dem Schirm, Fritz knabbert ja immer noch daran, dass der Freund meiner Schwester größer ist als sie, obwohl er doch zwei Jahre jünger ist.
Den Freund meines Bruders lieben sie heiß und innig, über die wie auch immer geartete verwandtschaftliche Beziehung hingegen haben sie sich noch nie Gedanken gemacht. Basti feiert mit uns Weihnachten und Ostern und seit die beiden zusammen sind, treten sie in der Familie auch zusammen auf. Da könnte man misstrauisch werden. Könnte man. Meine Kinder nicht.

Ein Erlebnis hatte ich fast identisch mit beiden:
Fritz im Alter von fast 8 über ein schwules Pärchen im Fernsehen: „Ist der etwa mit einem Mann verheiratet? Das ist aber komisch.“
„Findest Du? Willst Du später nicht mal einen Mann heiraten?“
„Nein! Das ist ja auch nicht üblich.“
„Ach? Das gibt es aber schon häufiger.“
„Echt? Kennst Du Männer, die zusammen sind?“

Naja, ich habe mir früher auch nie Gedanken über die Beziehungen von Winnetou und Old Shatterhand oder Ernie und Bert gemacht. Schon gar nicht darüber, dass letztere zusammen in einer Badewanne hocken.

Eine andere Sache wissen beide Kinder aber sicher: dass sie Geschwister sind. Das Verhältnis zu mir war Fritz aber nicht immer klar, wohl aber das deutsche Rechtssystem. Einmal, da war er ungefähr fünf, wir hatten mal wieder eine längere Diskussion über Verwandtschaft wie Großonkel und Cousinen und Nichten , also das richtig schwierige Zeug, da beendete ich meinen Vortrag mit den Worten:
„Aber Du bleibst immer mein Sohn. Und die Lina meine Tochter.“
Da schüttelte Fritz nur den Kopf und lächelte, wie man Kinder anlächelt, wenn man ihnen bedeuten will, dass sie noch viel lernen müssen.
„Aber Mama. Das mit mir stimmt. Aber mit der Lina, das geht nicht. Wie soll die denn deine Tochter werden? Geschwister dürfen doch nicht heiraten.“

Mein Senf dazu

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