Wenn man vor lauter Regen den Tropfen nicht mehr sieht


„Können Sie nicht mal ein Stückchen vorfahren? So komm ich nicht auf die Rampe“, raunzt mich ein LKW-Fahrer an, als ich gerade aus meinem Auto aussteige, das ich soeben auf dem Aldi-Parkplatz abgestellt hatte.
Ich steige also wieder ein und fahre mein Auto nach vorne, wie es von mir verlangt wurde.
Und dann reicht es. Dann bricht etwas in mir. Dann kommen alle schlechten Gefühle auf einmal hoch und reißen meine Heile-Welt-Mauer ein, dann brechen sich die Tränen ihre Bahn und kullern mit den Regentropfen, die an der Scheibe entlanglaufen, um die Wette.
Und plötzlich ist alles blöd. Plötzlich erscheint mir alles sinnlos. Hirnrissig sinnlos, wie ich die ganze Zeit strample und mein Bestes gebe und wie ich doch renne wie ein Sprinter, der mit einem Gummiband an der Startlinie festgebunden ist. Ich glaube mich kurz vor dem Ziel und dann macht es Flupp und ich werde nach hinten gezogen. Zurück auf Los, keine 200 Euro für mich.
Mit einem Mal fällt mir auf, dass ich die ganzen Jahre bei der Arbeit immerzu vermittle, Kollegen motiviere und fördere, meinen Job gewissenhaft und erfolgreich mache und doch konsequent bei jeder Beförderung übergangen werde.
Mir wird bewusst, dass ich unheimlich viel aufräume und putze und dekoriere, um es daheim gemütlich zu haben, aber bevor ich den letzten Winkel sauber habe, liegt am Anfang wieder Staub und die schönen Blumen sind verwelkt.
Ach, und wie ich aussehe. Seit Monaten kennt mein Gewicht nur eine Richtung: stetig nach oben. Zumindest verraten mir das die kneifenden Klamotten, Waagen ignoriere ich konsequent. Wenn ich solche Konsequenz bloß auch mal beim Vermeiden von ungesunden Lebensmitteln an den Tag legen würde.
Oder bei meinen Kindern.
Ich verzweifle darüber, dass ich den verdammten Medienkonsum der beiden nicht in den Griff kriege und dem so hilflos gegenüber stehe, dass es mir die Kehle zuschnürt, wenn ich mal wieder ein Computerverbot verhängt habe, wohl wissend, dass dann stattdessen auf dem Handy weitergespielt wird.
Und dann schaue ich mir die Zahlen an. Die Zahlen, die mir sagen sollen, wie viele Menschen und Omas meine Geschichten lesen, wie viele Leute mir auf Facebook folgen und mein Buch kaufen. Und ich könnte heulen, wenn ich es nicht schon täte. Dann vergleiche ich mich mit anderen und ich finde keine Lösung. Was machen die anders, dass die so erfolgreich sind? Was kann ich besser machen?
Oder höre ich auf und werf den ganzen Mist hin? War das nicht sowieso eine Schnapsidee mit dem Blog? Fällt das irgendwann auf die Kinder zurück? Reicht es, sie zu fragen, ob es ok ist, wenn diese Geschichte auf dem Blog steht? Finden meine Kinder das in ein paar Jahren immer noch cool oder ist es ihnen dann nur peinlich?

Und immer wieder der Vergleich mit anderen.
Was ist falsch mit mir und meinen Geschichten? Warum lesen nicht mehr das Blog und das Buch? Warum kommentieren nicht mehr?
Natürlich habe ich eine schwarz-weiße Antwort: Die lesen mich ja nur, weil sie mich persönlich kennen, nicht weil meine Geschichten gut wären.

Der Tränenschleier über meinen Augen öffnet sich für einen kurzen Moment und ich verfolge den Weg eines Regentropfens, der sich über die Autoscheibe kämpft. Er fließt nicht gerade nach unten, sondern irrt wie durch ein Labyrinth mal nach rechts, danach ein Stück nach unten, um dann einem im Weg liegenden Tropfen nach rechts auszuweichen. Es ist ein wenig verrückt, wie lange er braucht, aber er kommt voran und bleibt nicht einfach liegen. Der Tropfen neben ihm rast inzwischen viel schneller an ihm vorbei und ist verschwunden. Aber mein Tropfen läuft noch.
Und mir fällt auf, dass ich vor lauter Regen die Schönheit der Tropfen nicht mehr sehe.
Hat mir nicht noch am Morgen der Kollege, mit dem ich nur selten was zu tun habe, am Telefon gesagt, wie gerne er meine Geschichten liest, und dass er sich auf jede neue freut? Und dann war da die Bloggerkollegin, die mir auf Facebook schreibt, dass sie mein Buch begonnen hat und es super lustig findet. Und die hat selbst was drauf, finde ich.
Und dann fällt mir auf, dass ich in letzter Zeit ziemlich wenig geschlafen habe, weil ich ziemlich viel Zeit im Internet verbracht habe, um mich mit anderen zu vergleichen. Zeit, die ich lieber zum Schreiben genutzt hätte. Oder zum Schlafen. Weil ich ausgeschlafen besser drauf bin. Und nicht so viel an mir zweifle.
Und dann fällt mir ein, dass ich mit mir abgemacht hatte, dass ich ja noch Karriere machen könnte, wenn meine Kinder mich weniger brauchen und wollen. Und plötzlich finde ich, dass das auch immer noch eine gute Idee ist.
Und natürlich hat mein Lieblingsmann recht, wenn er sagt, dass ich aufhören soll, ständig nach den Zahlen zu schauen. Nicht nach Statistiken, nicht nach Konfektionsgrößen, nicht nach Gehaltszetteln, aber vielleicht doch ein bisschen nach den Stunden, die meine Kinder mit digitalen Medien verbringen.

Inzwischen ist mein Tropfen am unteren Scheibenrand angekommen. Ich schalte den Motor aus und steige aus meinem Auto.
Der LKW-Fahrer lächelt mich an und sagt: „Vielen Dank, das war sehr nett von Ihnen.“

10 Gedanken zu „Wenn man vor lauter Regen den Tropfen nicht mehr sieht

  1. wortgeflumselkritzelkram

    Oh ich kann dich gut verstehen. Es ist manchmal wie ein „täglich-grüsst-das-murmeltier“ und da kann sich auch mal Verzweiflung breit machen. Also: ich kenne dich überhaupt nicht und lese deine Sachen gerne. Auf dein Buch freue ich mich: es ist im ebook-reader gut verpackt und wartet auf den Urlaub, der in drei Wochen beginnt. Ansonsten gebe ich deinem Lieblingsmarke recht : schau auf dich!!! Ich plane ansonsten auch schon für die Zeit, wenn die Kids aus dem Haus sind 😎und die Diskussion wegen den Medienzeiten sind ätzend. Es gibt bei manchen „Internetboxen“ die Möglichkeit, den Nutzern Zeiten zuzuweisen. Das erspart einiges. Kopf hoch. Es wird besser

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  2. Katharina

    Ich habe dein Blog vor zwei oder drei Tagen entdeckt und habe alles! gelesen.
    Jetzt möchte ich mehr! Hör bitte nicht auf zu schreiben.
    Liebe Grüße!

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  3. Beatrice

    Ich kenne dich nicht und lese dennoch mit Vergnügen ! 😀

    Die Zweifel und Vergleiche kenne ich auch. Sind die Zugriffszahlen auf dem Blog stark, freue ich mich. Gibt es eine Flaute frage ich mich, was ich falsch gemacht habe.
    Dann denke ich, ich müsste einfach weniger Texte veröffentlichen und dafür sorgfältiger sein.
    Und dann denke ich: Aber ich bin nicht sorgfältig und ich bin nun mal ungeduldig und manchmal in Form und manchmal nicht. Somit ist mein Blog einfach wie ich. Und entweder die Leute mögen es, oder eben nicht. Aber ich kann und will mich nicht verbiegen.

    Also Kopf hoch. Nach dem Regen kommt die Sonne. Immer. Manchmal dauert es einen kleinen Moment. Aber sie kommt wieder. Sicher! 😀
    LG

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  4. Mein Name sei MAMA

    Ich mag deine Geschichten sehr und gerade diese hier kann ich besonders gut nachempfinden. (Also bitte mache weiter so! Das Ende ist auch wieder wunderbar gelungen und zaubert auch dem Leser ein Lächeln auf die Lippen)
    Manchmal löst ein zarter Windhauch unvermittelt einen Sturm aus. Der ist dann so stark, dass man fast den Halt verliert. Aber irgendwann legt sich das Brausen und Ächzen und die Ruhe danach ist heilsam und wohltuend.
    Und – ich verlinke normalerweise keine externen Sachen in Kommentaren – – aber ich finde dieser Song passt inhaltlich und stimmungsmässig ein bisschen zu deinem Beitrag:
    Joe Purdy, I love the rain the most when it stops, z.B. hier

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  5. Herr Kai

    Ach ja, die Zugriffszahlen, das Vergleichen … dafür nerven anderswo die Klickzahltreibenden Werbeverlosungen und das Geblogge um jeden Preis aber ohne Inhalt.
    Manchmal denke ich an frühere Schriftsteller, die oft nie gelesen wurden. Da sind wir schon viel weiter.

    Medien … bei meine Jungs haben wir ein Zeitlimit via Funamo (Funamo.com) eingestellt. Wenn’s rum ist, dann ist es so. (Tablet und Handy)

    Internetzeit, diebvom Schreiben abgeht … Oh ja, ein gutes Thema… Wenn Du da eine Lösung findest … unbedingt Bloggen! 😉

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  6. Rebecca

    Ich kenne dich nicht und lese deine Geschichten trotzdem gerne 😉
    Ich habe zwar keine eigenen Kinder, erkenne aber immer wieder parallen zur eigenen Kindheit.
    Es hat sicher jeder mal sochle Momente an denen irgendwie alles doof erscheint.
    Sollange dir das Bloggen spaß macht, ist doch der Rest egal.
    Ich weiß das die Zuggriffszahen manchmal depremierend sind, frage mich oft, wieso mein Blog nicht so richtig gelesen wird und warum manche in kürzerer Zeit mehr „Erfolg“ haben als ich.
    Aber dann denke ich mir, ein Stückweit mache ich es ja auch für mich und dann ist es egal, wie viele Leute meine Seite lesen.
    Kinder und Medien ist in der heutigen Zeit sicherlich eine schwierige Kombination, wo jeder seine eigene Lösung finden muss.
    Kopf hoch und liebe Grüße
    Rebecca

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  7. 11i

    „When all is said (and done)“ bleibt mir nur noch zu sagen: mich tröstet es ungemein zu lesen, dass es anderen genauso geht und ja, ich kenne dich, wenn du aber schlecht schreiben würdest, würde ich deinen Blog nicht lesen 😉, also aufstehn, Krönchen richten und weiterschreiben 😊!!!

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  8. Pingback: Und dann reißt der Himmel auf … | Sandkuchen-Geschichten

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