Seemann, lass das Träumen


„Tschulien Bähm ist zum weltbesten Youtuber gewählt worden!“, behauptet Fritz.
„Echt?“, fragt Lina und schiebt misstrauisch hinterher: „Woher weißt Du das?“
„Wahrscheinlich aus der Tageschau. Da bezieht er doch alle seine Informationen her. Und vermutlich ist Tschulien Bähm weltbester Youtuber beim Wettbewerb der Youtuber in Kleinschlagmichtot in der Kategorie Tschulien Bähm geworden“,  mische ich mich ein.
„Tschulien Wer?“ Mein Mann sieht ein wenig ratlos in unsere gemütliche Sonntagsfrühstücksrunde.

„Der Zwillingsbruder von Dagi Bee“, antwortet Lina ihrem Vater und rollt dabei verständnislos mit den Augen.
„Ich glaube nicht, dass die beiden miteinander verwandt sind“, werfe ich ein, „Tschulien Bähm sieht irgendwie asiatisch aus und Dagi Bee nicht so.“
„Doch, das haben die in einem Youtube-Video gesagt.“
Natürlich. Dann kann es ja nur stimmen.
„Aha. Und wie sind die Lochis mit denen verwandt?“
Bei den Lochis scheint ein kleiner Verständnisfunken bei meinem Mann aufzuflackern. Lochis hat er schon mal gehört.
Wie auch nicht, schließlich läuft deren Version von „Astronaut“ den ganzen Tag in Fritz‘ Zimmer rauf und runter, nur kurz unterbrochen von der StarWars-Filmmusik.

Wie diese Beatles damals in die heile Seemannslieder-Freddy-Quinn-Welt meiner Oma eingebrochen sind, so stürmen jetzt picklige Erstlingsmützchenträger aus dem Internet in unser beschauliches Leben und machen dort derbe Witze und müde Songpersiflagen. Das ist natürlich ein wenig schwer auszuhalten für uns, die mit hochniveauvollen Sketchserien wie Nonstop Nonsens oder Blödelbarden wie Otto humoristisch sozialisiert wurden.

Weil er seine E-Mail-Adresse für Linas Google-Playstore-Konto angegeben hat, bekommt mein Mann zudem permanent E-Mails über neu gepostete Videos von irgendwelchen Letsplayern – auch so ein Wort, das ohne meine Kinder vermutlich nie den Weg in mein Hirn gefunden hätte.
Aus irgendwelchen Gründen findet es meine Tochter super, anderen beim Sims-Spielen zuzusehen. Ich fand es früher immer schrecklich, neben meiner Freundin am Computer zu sitzen und zuschauen zu müssen, weil es nur einen Joystick gab.

Letztes Jahr sind mein Mann und ich zufällig beim Zappen bei der Verleihung des Deutschen Webvideopreises hängen geblieben und haben uns gar köstlich über das Auditorium aus krude gekleideten, klischeebedienenden Computer-Nerds und untherapierbaren ADHS-Patienten und Nagelstudio-Dauerabo-Blondinen amüsiert.
Und ein knappes Jahr später sind die einfach so, still und heimlich, alle bei uns eingezogen.
Nicht nur über WLAN.
Statt dem Prinzessin-Lilifee-Schaumbad steht jetzt eine Bibis-Beautypalace-Spraydose im Bad, die seine Benutzerin in unwiderstehlichen tasty Donut-Duft einnebelt. Homer Simpson hätte seine Freude daran.
Und im Kino will man jetzt „Bruder vor Luder“ sehen, anstatt Heidi.

Immerhin sind die Kinder inzwischen für Städtereisen zu begeistern. Vor allem nach Köln und Berlin, das gelobte Land, wo anscheinend alle Youtuber leben, tuben und letsplayen.
Lina bildet sich ein, wenn sie am Kölner Dom vorbeispaziert, werden ihr dort alle Helden aus dem Internet begegnen.
Aber wenn nicht, ist das gar nicht so schlimm, denn wenn schon keine Youtuber, dann gibt es da wenigstens einen Hotspot.

Das ist gut, dann können wir die Lochis ja darüber anschauen, mein Mann wusste nämlich zu berichten, dass die gar nicht in Köln leben sondern bei uns um die Ecke, irgendwo im Kreis Groß-Gerau. Tja, so ist das halt. Und schon immer so gewesen.
Und Freddy Quinn kommt aus Österreich. Nix weite Welt.

Palim, palim, ich hätte dann gerne eine Flasche Pomfrit.

Ein Gedanke zu „Seemann, lass das Träumen

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