Kindergeburtstag – oder ein Tag voller „Egal, ich lass das jetzt so“


„Das Leben ist kein Kindergeburtstag“, sagen ja manche und meinen damit, dass nicht immer alles glatt läuft, man zehn Tonnen Geschenke bekommt und es Spaß und Kuchen ohne Ende gibt.
Ich frage mich dann immer, ob jemand, der das behauptet, jemals in seinem Leben eine Kindergeburtstagsparty ausgerichtet hat.
Man kann nicht drum rum reden, es ist, wie es ist, nämlich purer Stress. Die eine Hälfte der Kinder will Partyspiele, die andere Hälfte findet Partyspiele extrem uncool und langweilig, alle wollen neben dem Geburtstagskind sitzen und das Geburtstagskind selbst benimmt sich aufgrund irgendwelcher komischer Kindergesetze grundsätzlich so daneben, dass man überlegt, ob es wohl auffällt, wenn man es beim Abholen einfach jemandem mitgibt.

Mein Sohn hat zum letzten Mal Geburtstag gefeiert, als er sechs geworden ist. Danach wollte er nicht mehr.
Inzwischen ist er neun.
Ich hatte nicht den Eindruck, dass es traumatische Erfahrungen gab, aber in manchen Dingen ist dieses Kind einfach ein wenig, nennen wir es speziell.

Aber mit Kindergeburtstagspartys scheint es sich ungefähr so zu verhalten wie mit Geburtsschmerzen – man vergisst einfach die Details und erinnert sich nur noch an das Schöne. Oder einfach an gar nichts mehr. Und irgendwie, warum auch immer, aus Nostalgiegründen, weil vermutlich bald niemand hier mehr Kinderparty feiern und mich dabei haben will, habe ich meinen Sohn überredet, seinen neunten Geburtstag zum Ende des Sommers noch mal nachzufeiern.

Nach drei Versuchen war dann auch ein Termin gefunden, an dem tatsächlich alle vier eingeladenen Gäste Zeit hatten.
„Hat der Fritz jetzt Geburtstag?“, wurde ich mehrmals gefragt.
„Nein, im Dezember. Aber ich wollte auch mal draußen feiern.“
Und in dieser Antwort liegt viel Wahrheit. Denn eigentlich wollte nicht mein Sohn feiern – sondern ich!
Denn es macht mir riesigen Spaß, Kinderpartys auszurichten. Spiele, Deko und Verpflegung zu überlegen und die Sachen für die Mitgebsel-Tütchen hatte ich schon im Februar gekauft, als ich im Supermarkt auf diese Star-Wars-Ausstellungsfläche gestoßen bin und einfach nicht widerstehen konnte.

Einen kurzen Moment wollte Fritz seinen Geburtstag nämlich schon am eigentlichen Termin feiern. Sein Plan war, mit seinen Freunden zusammen „Star Wars“, Teil sieben, im Kino zu schauen.
Dummerweise interessierte sich einer überhaupt nicht für Star-Wars, der andere gruselt sich schon beim Kika-Sonntagsmärchen und der dritte war noch viel zu jung dafür. Also ist Fritz alleine ins Kino gegangen und die Star-Wars-Süßigkeiten sind erst einmal in den Schrank gewandert.

Also eine Star-Wars-Motto-Party sollte es werden.

„Eine Star-Wars-Party?!? Können wir nicht was mit Olympia machen? Wir könnten doch den ganzen Nachmittag Tischtennis spielen.“

Die ersten zaghaften Ideen, die ich meinem Sohn gegenüber äußerte, stießen nicht auf besonders große Begeisterung. Aber absagen konnte  ich jetzt nicht mehr. Und umplanen wollte ich auch nicht mehr.
Also dachte ich mir: „Egal, ich lass das jetzt so.“

Es gibt nämlich total viele tolle Ideen im Internet, wie man so eine Party gestaltet. Und es gibt jede Menge überteuerten Merchendising-Krempel zweifelhafter Qualität, mit dem man so eine Party aufpimpen kann.

Voller Elan ging ich nämlich daran, am Tag vor der Party die Star-Wars-Rebels-Muffins zu backen und gleichzeitig die Oreo-Cake-Backmischung, die ich auch noch gekauft hatte, zusammen zu rühren.
Aber offensichtlich sind doch nicht alle Frauen multitaskingfähig. Als ich die Backofentür öffnete, fielen die Muffins in sich zusammen wie ein Wasserball, der auf einen scharfen Stein gefallen ist. Hmm, sollte ich zu doof für eine Backmischung sein?
Die Antwort war einfach: Ja.
Bei genauerer Durchsicht hatte ich das Wasser vergessen. Andere Muffins machen?
Nein, egal, ich lass das jetzt so.

star-wars-muffins

Gut, dass ich noch die Oreo-Torte hatte. Oh, Moment, die hatte irgendwie eher eine Größe, die für eine Puppenhaus-Party geeignet ist.

Davon werden die doch nie satt!

Das sind neunjährige Jungs, die essen was weg. Die biblischen Heuschrecken sind in Wahrheit eine Metapher für neunjährige Jungs.
In meinem Hirn hörte ich die ganze Zeit Kinderstimmen, die nach mehr Nahrung verlangen: „Hast Du wirklich nichts mehr?“

„Wackelpudding! Ich mache noch Wackelpudding.“

Bevor die Regierung auf die Idee kommt, Vorratshaltung zu propagieren, horte ich schon tonnenweise Wackelpuddingpulver in meinem Vorratsschrank. Idiotensicher und Motten gehen auch keine ran. Außerdem hatte ich gesehen, dass man da auch witzigerweise Han Solo einwackeln kann, den die Kinder dann mittels Löffeln aus dem Karbonit mit Waldmeistergeschmack befreien müssen.

Ich durchsuchte also die Star-Wars-Kisten meines Sohnes nach einer Han-Solo-Figur. Ich fand aber nur einen Anakin Skywalker.

„Egal. Das merkt doch keiner“,

habe ich gedacht. Die sehen ja fast gleich aus. Gemächlich sank der junge Darth Vader auf den Grund des Götterspeisen-Sees. Na endlich klappte mal was.
Zeit, sich um die Schokoküsse zu kümmern. Ich hatte nämlich kleine weiße, braune und dunkle gekauft, die ich in Clonetrooper, Wookies und Darth Vaders verwandeln wollte.
Sehr schnell merkte ich aber, dass ich das besser am nächsten Tag machen sollte, wenn sie im Kühlschrank wieder fest geworden sind.
Es gibt also doch Gründe dafür, eine Kinderparty im Winter zu feiern.
In der Zwischenzeit schaute ich mal nach Anakin im Karbonit. Mittlerweile war er nach oben getrieben und hatte sich auf das Gesicht gedreht. Na, toll! Ich habe Anakin mit dem Finger wieder nach unten gebohrt und ihn nach oben schauen lassen. Jetzt offenbarte sich allerdings der Nachteil der Instant-Götterspeise: Die Masse war schon so fest, dass es aussah, als wäre ein Dino durch den Wackepudding getrampelt.
Aber egal, ich lass das jetzt so.

anakin-in-wackelpudding

 Who the fuck is Han Solo? Free Anakin!

 

„Fritz, räumst Du bitte noch Dein Zimmer auf, bevor die Gäste kommen?“

„Ich hab doch heute Geburtstag. Ich räum nicht auf.“

Auch auf meinen Hinweis, dass er einen Scheiß heute habe und gefälligst diese Rumpelbude aufräumen solle, passierte nichts. Aber darum konnte ich mich nicht auch noch kümmern.

Egal, ich lass das jetzt so.

Wir waren ja eh auf dem Hof und die Gäste mussten gleich kommen.

„Wie viele Kinder kommen denn noch?“,

wollte Raphael wissen, als wir am Tisch saßen, um die steinharten Muffins zu essen.
„Das sind schon alle vier Gäste“,  antwortete ich.
Raphael wirkte ein wenig erstaunt.
„Bei meinem Geburtstag waren 24 Kinder da“, klärte er uns andere dann auf um dann entschuldigend anzufügen: „Ich habe halt so viele Freunde. Aber in so kleiner Runde ist es ja auch sehr nett.“
Raphael ist Grieche und stammt aus einer Familie, deren Leben vermutlich die direkte Vorlage für den Film „My big fat Greek Wedding“ war. Ich liebe ja diesen Film. Und ich liebe auch Raphael und seine Familie.

Aber wir brauchten keine 25 Kinder auf einer Party, ich hatte jede Menge Zucker auf dem Kuchentisch platziert, da sollte einer aus dem Rahmen laufenden Feier mit überdrehten Neunjährigen nichts im Wege stehen.

clonetrooper-schaumkuesse

Aber es gab auch Gesundes. Nämlich Obst-Lichtschwerter, die ich aus Schaschlikspießchen, Trauben und Alufolie gebastelt hatte. Und mein Sohn versuchte sogar, eines davon zu essen.

„Blöd jetzt, dass Du im Ferienprogramm keinen Feuerspuckerkurs gemacht hast, Fritz. Das wird schwierig, die unteren Trauben zu erwischen ohne sich dabei zu erstechen.“
„Wieso?“, schaltete sich jetzt Raphael ein, „das ist doch wie Souvlaki-Essen.“
„Da hast Du vollkommen recht, Raphael. Aber da Souvlaki normalerweise nicht paniert und frittiert wird, kennt Fritz das gar nicht.“

trauben-lichtschwerter

Fritz wusste auch nicht, wie man sich angemessen über Geschenke freut. Betont lässig riß er das Papier ab, schaute kurz auf den Inhalt und warf die Sachen dann achtlos weg.
Vielleicht hätte ich auch hier wieder besser auf meinen Sohn gehört, der auf die Frage was er sich denn wünsche, antwortete:

„Nichts. Ich feier halt auch mal eine Party, bei der man keine Geschenke mitbringen muss.“

Dann hatte er ein Buch für vier Gäste genannt. Und das war nicht der Harry-Potter-Schmuck-Band in Erstauflage.

Nachdem die Jungs sich wie Spätzchen am Buffet bedient hatten, ging es mit den Spielen los.
Jetzt wurde es spannend. Als ich meinem Mann erzählt hatte, was ich plane, hatte er mich gefragt, was wir dann in den restlichen drei Stunden mit den Knalltüten machen sollen.
Wir malten als erstes T-Shirts an. Ich hatte in mühevoller Kleinarbeit mit stumpfem Cuttermesser Star-Wars-Schablonen ausgeschnitten bzw. von meinem Mann ausschneiden lassen als es mir zu doof geworden war, und Textilfarbe zum Sprühen besorgt.

star-wars-t-shirts

„Ich hatte Dich darauf hingewiesen, dass hellgrüne Farbe auf rotem T-Shirt vielleicht nicht optimale Ergebnisse liefert“, entgegnete ich meinem Sohn, als er über den undefinierbaren Matschfleck auf seinem T-Shirt motzt.
„Und vielleicht hättest Du auch besser aufgehört, Farbe zu sprühen, als ich STOPP gesagt habe. Oder wenigstens nach dem fünften STOPP.“

Als alle T-Shirts, die bemalt werden sollten (plus ein paar, die eigentlich nicht besprüht werden sollten), fertig waren, spielten wir „Fütter Jabba“. Das war sehr lustig und Jabba war auch ratzifatzi wieder mit Tesafilm repariert, als einer der Jungs ihm das Maul durch einen astreinen Dunking unsachgemäß vergrößert hatte. Zum Werfen haben wir Tischtennisbälle genommen. Aber eigentlich hätten sich die furztrockenen Star-Wars-Muffins besser geeignet. Es waren ja auch noch zehneinhalb übrig.

jabba-the-hutt

Nachdem Jabba satt war, gingen die Jediprüfungen in die nächste Runde: Es folgte der Schleimtransport.

Ich habe einen kleinen Parcours aufgebaut über den die Kinder mit einer Suppenkelle grünen Schleim von einem Eimer zum anderen schleppen mussten. Dafür hatte ich vierzig Liter Schleim zum Anrühren gekauft. Das war so, so eklig.
Aber auch so, so lustig.
Und es hat keiner geheult, der auf die Nase geflogen ist. Und gefallen sind sie alle wie die Fliegen. Im Handumdrehen war der halbe Hof in ein glibberig rutschiges Schleimparadies verwandelt, vor dem sich sogar die Ghostbusters gegruselt hätten.

schleimtransport

Nach zwei Runden konnten die Jungs die Suppenkelle nicht mehr festhalten, weil sie ihnen ständig aus der Hand geglitscht sind. Aber wozu hat man Hände? Lange Schleimfäden hinter sich herziehend glitschten sie dann über den Asphalt um anschließend einen Bruchteil dessen, mit dem sie gestartet sind, in die Schüssel am Ziel zu kippen.

obi-wan-kaerchert

Ihr kärchert doch auch immer den Hof nach einer Kinderparty, oder? ODER?

Während mein Mann versuchte, mittels Hochdruckreiniger den einen Hofteil wieder begehbar zu machen, startete ich auf dem unverschleimten Teil das nächste Spiel:

„Luftballon hauen“

Hierzu bekam jeder Padawan ein aus Leuchtsticks gebasteltes Lichtschwert in die schleimigen Pranken gedrückt und den Auftrag, den eigenen Ballon in der Luft zu halten und den der gegnerischen Mannschaft auf den Boden zu schlagen.
Dummerweise gibt es bei fünf Kindern zwei Teams mit unterschiedlich vielen Mitgliedern. Und noch dummererweise war mein Sohn in dem unterbesetzten Team.

„Boah, Mama. Das ist voll unfair und blöd. Kannst Du Dir nicht mal eine cooles Spiel ausdenken?“

lichtschwertschlacht

Hmm. Ich habe kurz überlegt, ob ich meinen Mann mal mit dem Kärcher auf die Kinder halten lassen sollte. Diesen Gedanken verwarf ich aber schnell wieder und ließ stattdessen meinen Mann die hundert Wasserbomben füllen, die ich besorgt hatte. Während die Kinder sich mit ihren Lichtschwertern gegenseitig verhauten, malte ich mit Straßenkreide zwei Todessterne auf den Boden und ließ die Kinder diese mit den Wasserbomben im Anschluss zerstören.

wasserbomben-gegen-todesstern

Das dauerte ungefähr zehn Sekunden, dann waren die Dinger eliminiert und noch ein paar Bomben übrig, um sich gegenseitig damit abzuwerfen.

wasserbombenschlacht

Dass Todessterne generell nicht so die super Idee einer unzerstörbaren Waffe sind, weiß man ja schon aus diversen Star-Wars-Filmen. Hätten Darth Vader und seine Komplizen jedoch einen Schleimgraben drumherum errichtet, könnte die Welt heute ganz anders aussehen.
Wir haben jedenfalls jetzt eine ordentliche Schleimstrecke um unser Haus. Schleim lässt sich nämlich nicht gut von Asphalt entfernen.
Aber egal, ich lass das jetzt so.

Und mein Sohn? Dem hat die Party anscheinend gefallen. Zumindest interpretiere ich seine Ankündigung so:

„Nächste Woche feier ich dann meinen achten Geburtstag nach und am Wochenende drauf meinen siebten. Zuerst eine Indiana-Jones-Party und dann eine Fluch-der-Karibik-Party.“

Ich hätte noch gut zwanzig Liter Schleim und zehn trockene Muffins übrig.

Aber ich glaub, ich lass das jetzt so.

14 Gedanken zu „Kindergeburtstag – oder ein Tag voller „Egal, ich lass das jetzt so“

      1. wortgeflumselkritzelkram

        Hihi. Übernachtungspartys haben wir auch schon. Bei der ersten sind 8 Mädels nachts um zwölf raus und haben Slender gespielt ( was immer das auch genau sein soll – es war auf jeden Fall laut). Das wurde untersagt und inzwischen beschränkt es sich auf möglichst viele Filme gucken und bloß nicht schlafen 😂 also eigentlich ganz entspannend

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  1. verbalkanone

    Ich kann nicht mehr. Mein Bauch tut mir bereits höllisch weh vom Dauerlachen beim Lesen deiner Realsatire vom Kindergeburtstag deines Sohnes. HERRLICH… und so verdammt komisch (wenn man kein Elternteil des geburtstagsfeiernden Kindes ist)!!! Darf ich deinen Blogbeitrag in meinem Facebookprofil verlinken??? Ich möchte den UN-BE-DINGT meiner Schwägerin und meinem Bruder ( natürlich denke ich dabei ÜBERHAUPT nicht an meinen neunjährigen Neffen (Nein, das ist nur Zufall, dass die Junges gleichalt sind.) … Kein Stück. 😉

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  2. fraumasulzke

    Ich lass das jetzt NICHT so. Ich habe ungefähr 20 x gedacht, genau SO ist es. Mein Sohn hat auch seinen lezten Geburtstag mit 6 gefeiert, danach nur noch auswärtige Bezahl-Vergnügen. Ein Teil der Gäste verwüstete sein Zimmer, er und 2 weitere Gäste saßen verängstigt mit mir auf dem Sofa und ich habe versucht, mit Vorlesen das Getöse auszublenden…NIE WIEDER! Vielen Dank für diesen realistischen Bericht! Viele Grüße Merle

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    1. Sandkuchen-Geschichten Autor

      Die ganz schlimmen Verwüster waren zum Glück gar nicht eingeladen. Ein großer Vorteil, wenn das Kind so wählerisch mit Freundschaften ist und keinen großen Wert darauf legt, allen zu gefallen …
      (Nicht immer schön in der Schule bei Lehrern…)

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      1. schnipseltippse

        Ach, ich bin auch schon auf meinen Muffins sitzen geblieben. Seitdem mache ich mir da keinen großen Kopf mehr. Hauptsache Popcorn steht auf dem Tisch. Das geht immer weg wie warme Semmeln.

        Das mit dem Kotzen war auf eine Party bei uns bezogen. Sollte mit Übernachtung sein. M-hm. Endete ziemlich unappetitlich.

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