Aus Tricatels Fabrik


Als Kind war ich schon kein besonders mäkeliger Esser und seit ich mal ein Jahr in Frankreich gelebt habe, esse ich eigentlich fast alles. Käse darf gerne sehr stinkig, Fleisch muss nicht durchgebraten sein, Sushi in allen Formen und Arten ist mein Liebstes und es gibt eigentlich kein Gemüse, das ich nicht mag. Was ich nicht kenne, das probiere ich.
Mein Sohn hat diesen Weg noch vor sich. Bei ihm handelt es sich, wie bei schätzungsweise 90 Prozent aller Kinder, nämlich um einen Essensautisten. Die Ernährungsrange, in der er sich bewegt, ist diametral entgegengesetzt zu dem, was die Deutsche Gesellschaft für Ernährung in ihrer Ernährungspyramide so empfiehlt. Fritz‘  Pyramide baut auf Müsli und Cornflakes mit Joghurt auf, darüber kommt eine dicke Schicht Pizza mit Salami und doppelt Käse, die wiederum belegt wird mit Nudeln mit Sahnesoße, obendrauf kommt eine Lage Schnitzel ohne Salat (es sei denn, es handelt sich um Kartoffelsalat) und ganz oben ist als Topping Käsekuchen mit Spaghetti-Eis angesiedelt. Diese Pyramide sollte man sich im übrigen auch eher quaderförmig als spitz vorstellen.
Bis auf die unterste und oberste Schicht seiner Pyramide ist alles erst dann genussbereit, wenn darüber großflächig Ketchup verteilt wurde. Da lacht dann das Köchinnenherz. Nicht.
Allerdings macht er fairerweise keine Unterschiede. Egal ob von mir gekocht oder aus der Spitzengastronomie – ohne das rote Gold geht gar nichts.

Wenn alle Stricke reißen,  könnte er sich auch nur von Müsli ernähren. Manchmal wünsche ich mir, wir würden einen Ausrüstervertrag von Kellogg‘s Special K bekommen, der Verbrauch von Cornflakes macht einen nicht unerheblichen Anteil unseres Haushaltsbudgets aus. Zum Frühstück, zum Abendessen (wenn der Ketchup alle ist oder es nur Vollkornbrot gibt) und natürlich mittags, wenn er aus der Schulbetreuung nach Hause kommt: Haferflocken, Special Ks und Naturjoghurt, gerne auch Käsekuchenjoghurt, falls vorhanden.
Die ersten acht Jahre seines Lebens, nachdem Klaus Hipp aufgehört hatte, für ihn zu kochen, wurde er in der gleichen Betreuungseinrichtung verköstigt. Damit hatte er sich arrangiert. Seit diesem Schuljahr isst er in der Schulbetreuung, die sich anscheinend nicht nach Fritz‘ Ernährungsquader richtet.

Wenn ich jetzt nach Hause komme, hängt mein Sohn bereits am i-pad und im Wohnzimmer oder in seinem Zimmer oder im Esszimmer finde ich ein leeres Müslischälchen. Manchmal finde ich es nicht gleich, das kann dann später zu interessanten naturwissenschaftlichen Beobachtungen führen.
„Na, war das Essen heute nicht lecker?“
Statt einer Antwort werde ich mit einem Blick gemustert, der mich glauben lässt, ich hätte gefragt, ob er Lust hätte, mit mir etwas zu basteln. Oder ob er nicht auch findet, dass alle Clonetrooper eine Frisur wie Prinzessin Leia tragen sollten.
„Was gab es denn?“
„Klöße mit Schleim.“
So wie er das Essen anschließend schildert, muss wohl einer der Geister aus Ghostbusters vorbeigekommen sein und eine Schleimkanone über wabbeligen Klößen abgeschossen haben, die aus Teilen des Marshmallowman geformt wurden.
„Aber Du solltest es wenigstens mal probieren“, mache ich einen weiteren Versuch, meinen Suppenkasper zum Schulessen, das ich ja immerhin auch bezahle, zu überreden: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass das wirklich so eklig ist. Das hat doch auch jemand gekocht.“
Aber da widerspricht mir mein Sohn vehement: „Nein. Das hat niemand gekocht. Das wird in einer Fabrik hergestellt.“
Mir jagen Bilder durch den Kopf, wie Louis de Funes nachts in Tricatels Fabrik einbricht und dem Geheimnis seiner Lebensmittel auf die Spur kommt und mit einem Mal finde ich die Argumentation meines Sohnes gar nicht mehr so abwegig.
Am nächsten Tag finde ich neben dem leeren Müslischälchen eine Schale mit Röstzwiebelresten.
„Die habe ich mit Joghurt zusammen gegessen. War lecker.“

Ich glaube, am Wochenende, gucke ich mit den Kindern zusammen „Brust oder Keule“.
Und so lange gebe ich meinem Sohn einfach eine Flasche Ketchup mit in die Schule

Mein Senf dazu

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