Mehr als 12von12 am 14.10.21: Dzien dobry aus Warschau


Long time no see bei 12von12. Und bestimmt werden es heute sogar mehr Bilder, denn ich bin zufällig in Warschau und habe viele Fotos gemacht.

Natürlich hätte ich auch einfach so meinen Trip in die polnische Hauptstadt verbloggen können, aber irgendwie mag ich Strukturen wie Systembloggerei oder Systemhotellerie, weshalb es das Frühstück auch im Motel One Warschau Chopin gibt.

Ich habe bewusst inklusive Frühstück gebucht, da ich mich kenne. Wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre ich so lange rumgeirrt um DIE Frühstückslokalität zu finden und hätte dabei so viel Zeit gebraucht, um mich zu entscheiden, dass ich am Ende weder einen Kaffee noch etwas zu Essen gehabt hätte und ich fürchterlich hangry geworden wäre. Da ich alleine unterwegs bin, hätte mich das dann voll selbst getroffen. Niemand da zum Anmeckern.
Außerdem hatte ich das gestern schon, als ich direkt aus dem Flieger ins Museum und anschließend ins Chopin-Klavierkonzert gegangen bin.

Ansonsten bin ich hier sehr happy, was auch Duolingo zu ahnen scheint, immerhin bekomme ich diesen Satz zum Übersetzen:

Die erste Stadttour, die ich gebucht habe, heißt „Jewish Warsaw“ und am Treffpunkt werde ich vom Polen-Paule begrüßt. Merkwürdig, aber diese katholische Kirche stand damals im Ghetto.

Der Platz vermittelt einen guten Eindruck von dem, was Warschau ausmacht: Wohnblocks aus der Zeit des Kommunismus, ultra moderne Gebäude und zwischendurch auch mal was Altes. Wobei es eigentlich so gut wie nichts Altes gibt, da die Stadt im 2. Weltkrieg nahezu vollständig zerstört wurde, aber dazu im Laufe der Geschichte mehr.

Das Teil, das aussieht wie das Empire State-Building ist übrigens der Kulturpalast oder auch Stalin-Stachel genannt.

Anna, die Tour-Guide, ist super. Sie kennt sich wirklich gut aus, trifft den richtigen Ton und das richtige Maß zwischen Unterhaltung und Information, vermittelt wahnsinnig viel Wissen und mir sind nach der Tour viele Dinge klarer. Ich hatte mich z.B. immer gefragt, wieso so viele Menschen sich in ein Ghetto sperren lassen, aber wenn man sich das alles als einen schrittweisen Prozess vorstellt voller Fake News und die Repressionen dazu nimmt, die Juden schon immer gewohnt waren, zu ertragen, dann kann man sich das eher vorstellen. Nicht vorstellen hingegen könnte ich mir, in einem Appartment zu wohnen, das auf den Resten einer der Ghetto-Mauern gebaut wurde. Ich finde es aber super, diesen Teil der Geschichte auf diese Art ins Stadtbild zu integrieren.

Augen auf bei der AirBnB-Wahl, ob man nicht auf der Ghettomauer übernachtet.
Ehemaliges Ghettohaus. In jedem Zimmer haben 8 bis 10 Personen gewohnt.
An dieser Stelle stand die Brücke, die den kleinen mit dem großen Teil des Ghettos verbunden hat. Die Stelen links und rechts erinnern daran.

Die Tour endet am Polin, dem Museum der Geschichte der polnischen Juden. Ich war am Tag vorher schon drin und total geflasht. Es ist eines der besten Museen, die ich je besucht habe und steckt voller Symbolik, wie eigentlich die ganze Stadt. Dabei darf man es sich nicht als Holocaust-Museum vorstellen, das ist nur ein Teil davon.

Gegenüber ist das Ghetto-Ehrenmal, vor dem Willy Brandt einst seinen Kniefall machte. Weil immer so viele Leute davor standen, gibt es davon hier allerdings kein Foto.

Damit ich auch die zweite guided Tour, die ich heute gebucht habe, überlebe, trinke ich einen Kaffee und esse eine Suppe dazu. Da ich kein polnisch spreche und die Dame an der Kasse kein englisch, bringt sie mir einfach ein Paket Linsen und Kichererbsen aus der Küche, um mir zu zeigen, was in der Suppe drin ist.

Der zweite Stadtspaziergang wird von Anouzca geleitet und heißt „Warsaw historic center“. So richtig historisch ist hier allerdings nichts, da, wie bereits erwähnt, ja alles in Warschau zerstört war. Der Grundstein für die polnische Handwerkskunst wurde dann darin gelegt, dass die Polen ihre Stadt nach dem Krieg einfach wieder so aufgebaut haben, wie sie vorher war. Und tatsächlich fühlt man sich wie in einer Filmkulisse, wenn man durch die Straßen geht. Alles ist neu und sauber, sieht aber alt aus.
Als Vorlage für den Wiederaufbau dienten übrigens viele Bilder von Canaletto, der im 18. Jahrhundert beim damaligen König angestellter Stadtmaler war und mit der Camera Obscura jede Menge Stadtansichten, sogenannte Vedute, gemalt hat.

Warschau hat übrigens auch eine Meerjungfrau als Wahrzeichen. Klein ist die allerdings nicht.
Berühmte Töchter hat die Stadt auch zu bieten: Marie-Curie-Haus

Obwohl irgendwann mal Regen angesagt war, scheint die Sonne, aber es ist ganz schön kalt, also gehe ich gemeinsam mit Heike, einer anderen alleinreisenden deutschen Tourbesucherin einen Kaffee trinken und probiere den Wuzetka-Kuchen, laut Führung eine Warschauer Spezialität.

Da ich schon über die 12 Bilder drüber bin, vernkeife ich mir jetzt ausschweifende Formulierungen und ab hier gibt es vorwiegend Bilder, die ich aus unterschiedlichen Gründen bemerkenswert fand:

Grabmal des unbekannten Soldaten. Dieser Säulengang ist alles, was nach dem Krieg vom Sächsischen Palast, der hier stand, übriggeblieben ist. Die Stelle, an der der Palast stand wurde als Mahnmal leer gelassen und ist riesig.
Dieses Haus wurde übrigens im Krieg nicht zerstört. „Originale“ erkennt man übrigens gut an den Einschusslöchern.
Heilig-Kreuz-Kirche. Hier liegt das Herz von Chopin begraben. Von seiner Schwester über die Grenze geschmuggelt, der Rest ist in Paris.
In der Stadt verteilt gibt es einige Bänke, die Stücke von Chopin spielen, wenn man auf den Knopf drückt.
Es gibt sehr viele Kirchen in Warschau. Manchmal auch direkt nebeneinander. Gegenüber ist übrigens auch noch eine.

In Warschau kann man auch ganz besonders gut Souvenirs einkaufen. Wie wäre es mit einem Bernstein-Penis?

Elefant, Buddah, Hündchen, Skorpion, Penis

Alternativ freuen sich die Zurückgebliebenen bestimmt auch über ein Vampirjäger-Set.

Ich könnte jetzt noch hundert weitere Bilder hochladen und von dieser Stadt schwärmen, aber ich schlage vor, Ihr fahrt einfach selbst mal hin. Zur Orientierung habe ich hier noch ein paar Informationen:

Facts & Figures

Hinweis: niemand hat mir hierfür Geld oder irgendwas bezahlt, im Gegenteil, ich habe selbst welches gerne dafür ausgegeben. Und da mich das alles überzeugt hat, schreibe ich das hier auf, falls jemand meine Reise nachreisen möchte:

Stadttouren: Walkative. Man zahlt so viel, wie es einem wert ist oder wie viel man sich leisten kann und die zwei Guides, die ich hatte, waren richtig gut. Die Touren dauern jeweils 2,5 Stunden in recht kleinen Gruppen (wir waren jeweils ungefähr 15), es gibt viele verschiedene Themen, ich hatte jüdisches Warschau und die Altstadt.

Unterkunft: Motel One Warschau Chopin – zentral gelegen, gut erreichbar mit Bus und Metro und ich liebe das Design und die bequemen Betten. Allerdings bin ich normalerweise nicht viel in meinem Zimmer.

Fortbewegung: Die Wege von einem Sightseeing-Punkt zum nächsten können etwas weiter sein. Da ich Bus- und Metrofahrpläne immer etwas kompliziert finde, nutze ich gerne E-Scooter. Ich habe welche von Tier, Lime und Bolt gesehen. Etwas doof ist, dass es viel Kopfsteinpflaster gibt. Eine andere Alternative sind Mietfahrräder. Oder laufen.
Zum Flughafen kommt man prima mit dem Bus (Linie 175) für umgerechnet ungefähr einen Euro.

Chopin-Konzert: Klavierkonzert in einem Seitenflügel des Stadtschlosses in kleiner Runde bei Kerzenschein. Es gibt verschiedene Anbieter, ich hatte über Get your Guide gebucht.

Museum: Das Polin ist 2016 zum besten Museum Europas gewählt worden. Zurecht, wie ich finde. Donnerstags ist hier der Eintritt kostenlos.
Überhaupt kann man fast jedes Warschauer Museum an einem Tag in der Woche kostenlos besuchen. Hier ist eine Übersicht, wann welches Museum freien Eintritt bietet.

Essen: Ich habe erst gedacht, es gibt nur eine Speisekarte in ganz Warschau, bis ich verstanden habe, dass sich im Prinzip zwei Ketten das Pirogi-Geschäft teilen. Da gehen übrigens auch Polen zum Essen hin. Ich war am ersten Abend hier: https://www.gospoda.waw.pl/ und habe gut und günstig gegessen.
Am zweiten Abend habe ich hier gegessen: https://www.specjalyregionalne.pl/

Ich verlinke diese Geschichte jetzt mal bei Draußen nur Kännchen, wo es wie jeden Monat eine beachtliche Sammlung an Bildergeschichten gibt. Und dann überlege ich, wohin ich als nächstes reise. Was empfehlt Ihr mir?

Mein Senf dazu

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