Ein Oktober-Wochenende in Pilzen


Hallo schon wieder. Seit meinem Kurztrip nach Warschau bin ich dermaßen energiegeladen, sodass ich hier jetzt um spät Uhr sitze, um noch die Erlebnisse des Wochenendes für die Ewigkeit zu verwahren.
Allerdings werde ich mich dabei auf den Sonntag konzentrieren, den Samstag habe ich vorwiegend mit Sport verbracht (Workouts, Fahrradfahren, Tennis) und damit, Serien auf Netflix zu bingen. Ich bin gerade völlig in Blacklist und New Amsterdam gefangen. Können wir bitte darüber reden, wie hot Ryan Eggold ist? Was habe ich ein Glück, dass der Lieblingsmann ihm ziemlich ähnlich sieht, wie ich finde.
Aber spulen wir vor zum Sonntag.

Ich hatte den Kindern versprochen, sie in den Ferien in Ruhe zu lassen, aber mir dafür eine gemeinsame Pilzwanderung gewünscht. Da die lieben Kleinen nicht in der Lage sind, das Kleingedruckte zu lesen oder einfach zu vertrauensselig für diese Welt sind, haben sie eingewilligt. Heute ist also der Tag und gegen unsere Gewohnheit sitzen drei von vieren bereits um 9 Uhr am Frühstückstisch.

„Was machen wir eigentlich, wenn wir bei der Pilzwanderung mal müssen?“, fragt der Lieblingsmann.
„Das geht vielleicht eine Stunde, das wirste ja wohl schaffen“, antwortet der Sohn und ich verschlucke mich an meinem Kaffee. Der Lieblingsmann grinst mich an und jetzt wird das Kind misstrauisch: „Dauert das etwa länger als eine Stunde? 1,5 Stunden?“
Die Wanderung dauert vier Stunden und das ist in etwa das achtfache eines sonstigen Sonntagsspaziergangs mit den Kindern.
Auch wenn kurzfristig mit einem Sitzstreik gedroht wird, wechselt das Kind auf elterliche Empfehlung dann doch die weiße gegen eine dunkle Jogginghose und nimmt grummelnd im Auto Platz.
„Vier Stunden geht der Scheiß“, eröffnet er seiner Schwester ihre nähere Zukunft, allerdings erst, nachdem wir schon losgefahren sind. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Oder doch eher doppeltes Leid?

Aber auch ohne Leine oder Androhung von Konsequenzen, die wir ja eh nie durchziehen, laufen die Kinder mit, als wären sie wohlerzogen.
„Mir gehen die Leute ja jetzt schon auf den Keks“, flüstert mir die Tochter zu, „so viele Streber dabei.“
„Du meinst, die sind schlimmer als ich?“, frage ich zurück. Immerhin muss ich beim Thema Pilze ziemlich blank ziehen, auch wenn ich vor ein paar Jahren schon mal eine Tour mitgemacht habe. „Psst! Nicht so laut. Du hast wirklich überhaupt keine Ahnung, wie man lästert“, ranzt mich die Tochter an, während sie ihre Augen fast über ihre pinke Mütze hinausrollt.
Es wird schwierig werden, dieses Kind im Wald zu verlieren.

Wir laufen alleine zum Sammeln los und ich muss alle Körbchen tragen, immerhin wollte ich ja diese Pilztour. Den Rucksack mit der Verpflegung übrigens auch. Wer bestellt hat muss tragen, das ist hier wohl die Regel.
Aber die Kinder machen tatsächlich mit. Die Tochter hat ein ganz gutes Auge und zeigt gönnerhaft auf einen Pilz, der Sohn hat sich Handschuhe angezogen und zupft den Fruchtkörper aus dem Boden. Zwischenzeitlich setzt er einen ungeheuren Rülpser frei.
„Oh, ein röhrender Hirsch!“, kommt als Antwort einer anderen Teilnehmerin der Pilztour und kurz möchte ich im Boden versinken. „Ich dachte, wir wären hier allein“, rechtfertigt sich der Sohn und ich wundere mich nicht mehr, warum ich früher so viele Briefe aus der Schule bekommen habe.
Wir präsentieren stolz unsere Ausbeute dem Wiesbadener Pilz-Papst, der uns drei Boviste lässt und den Rest (Nebelkappe, Schneckling, Specht-Tintling, Kahler Krempling, Knollenblätterpilz und noch irgendso ein Schwefel-Stinkling) in die Büsche wirft. Hm, da muss noch was kommen, wenn wir heute Abend eine Pilzpfanne essen wollen. Also ich. Die Kinder mögen keine Pilze und der Lieblingsmann ist selbstgefangenem Essen gegenüber eher skeptisch eingestellt.
Wir gehen also in die nächste Runde.
Die Tochter zieht seit neustem abends gerne mal um die Häuser und wäre jetzt vermutlich lieber auf einer Pilstour, bei der ihr auch gerne der ein oder andere Klopfer über den Weg laufen dürfte. Das bedeutet aber immerhin auch, dass sie ein klein wenig Kondition aufgebaut hat und ihr Handy nicht gleich verzweifelt um Hilfe ruft, weil es ob des rasanten Anstiegs der Schrittzahl denkt, es wäre geklaut worden.
Aber das Kind ist gut: sie findet zwei Steinpilze und der Lieblingsmann Gefallen daran, Pilze zu fotografieren. Irgendwann ist er dann verschwunden. Das hatte Franz, der Pilzsachverständige, schon angekündigt. Kinder würden nie verloren gehen. Erwachsene schon mal. Häufig kehrten sie dann irgendwo ein und seien am Ende wieder am Parkplatz.
Tatsächlich meckern die Kinder, die bei mir geblieben sind, so gut wie gar nicht, sie entwickeln sogar so etwas wie Ehrgeiz und am Ende haben wir viele essbare (also mehr als einmal essbare) Pilze gefunden und der Lieblingsmann stößt irgendwann auch mit zwei Kappen zurück zu uns. Die Nebelkappe muss er zwar wieder in den Busch werfen, aber der Teilnehmer, der seine Mütze verloren hat, freut sich über die Kappe, die der Lieblingsmann im Wald gefunden hat.

Der Lieblingsmann, der vorher ausgeschlossen hatte, die Pilze zu essen, probiert bis auf den nach Knoblauch stinkenden Pilz alle und ist genau wie die Tochter und ich jetzt Semmelstoppelpilzfan und der Sohn hätte beinahe einen Steinpilz probiert.

Keinem grummelt der Magen und bisher hat sich auch noch kein Auge gelb verfärbt. Höchste Zeit für die Bilder:

Korallenpilz, nicht genießbar
Langstieliger Knoblauchschwindling
Keine Ahnung, was das für Pilze sind. Nicht genießbar.
Links unten: Parasol, darüber: flockenstieliger Hexen-Röhrling, langstieliger Knoblauchschwindling, violetter Lacktrichterling, Bovist
Steinpilz
Maronen-Röhrling

Andere Wochenenden in Bildern findet Ihr wie immer bei Große Köpfe.

Zum Nachmachen

Wer auch mal betreut in Wiesbaden Pilze sammeln möchte, kann sich hier informieren und anmelden: https://www.wiesbaden.de/leben-in-wiesbaden/umwelt/natur-landschaft/pflanzen-tiere/pilze.php
Wer am Sonntag alleine sammeln war, kann seinen Fund montags im Umweltladen professionell begutachten lassen.

Mein Senf dazu

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