Time to say Goodbye


Schnief, Schnief !

Schnief, Schnief !

Zum Glück hatte ich ausreichend Taschentücher einstecken. Aber auf die Schminke für die Augen wollte ich doch nicht verzichten. Dumme Kuh, ich. Und dann spielten die auch noch die unvermeidbare grönemeyereske Alltime-Schnulzen-Hymne „Ein Hoch auf Uns“. Allerdings führte diese nicht wie lautstark besungen zu einem Feuerwerk der Endorphine, eher das Gegenteil trat ein: Die eine Hälfte der Kinder sang mit, die andere Hälfte heulte schon von Anfang an. Und am Ende standen alle flennend auf der Bühne oder lagen sich schluchzend in den Armen. Die coolen Gangsta-Jungs, die vorher noch die Mädchen verhöhnt hatten, dass die bestimmt heulen müssten, genauso wie die Lehrerinnen. Die Viertklässler ebenso wie die Erstklässler. Nur der Hausmeister und zwei der anwesenden Väter haben keine Tränchen verdrückt. Und noch jemanden gab es, der im Gegensatz zu allen anderen strahlend auf der Bühne stand: Meine Tochter.

Ich dachte immer, dass ich Empathie und Rührseligkeit an meine Tochter vererben würde, aber bei der Abschiedsfeier der vierten Klassen von der Grundschule merkte ich mal wieder, dass alles noch bei mir ist. Schon als die dritte Klasse zum Auftakt „Goodbye“ performte, quoll das erste Tränchen aus meinem Augenwinkel. Und anscheinend habe ich das Augenmuskeltraining ähnlich vernachlässigt wie das Beckenbodentraining nach den Geburten: Wenn es erst einmal läuft, dann läufts. Kein Wunder, dass meine Tochter da nichts abbekommen hat.

„Warum sollte ich denn weinen? Wir sehen uns doch morgen noch mal“,

lautete ihre Antwort auf meine Frage, ob sie denn nicht traurig wäre.

Dieses Kind ist unglaublich. Bei jedem noch so nichtigen Anlass wird geheult und geschrien als wäre sie ein Kerl und gerade der Lieblingsclub in die dritte Liga abgestiegen: Wenn sie sich den Kopf an einer Matratze stößt, wenn ihr eine haarsträubende Ungerechtigkeit widerfährt, wie dass ihr Bruder einen Mückenschiss mehr Limo bekommen hat als sie, wenn Letztgenannter die Musik zu laut stellt, wenn der Computer abschmiert, bevor sie den Zwischenstand ihrer Simswelten gespeichert hat, wenn es Vollkornnudeln zur Käsesoße gibt ….

Aber nicht, wenn es heißt, Abschied zu nehmen. Dann ist sie total taff.
Nach den Sommerferien kommt sie auf eine neue Schule und startet dort ganz alleine. Niemand ihrer alten Freunde und Klassenkameraden geht mit ihr auf diese Schule. Aber das ist ihr egal.

„Ich finde da schon neue Freunde. Hat im Urlaub bisher auch immer geklappt.“

Diese Einstellung beeindruckt mich. Ich bin eher der Zweifler und plane Dinge vorher und kann es eigentlich nicht so gut leiden, wenn ich nicht abschätzen kann, was auf mich zukommt. Und meine Tochter nimmt es einfach wie es kommt.
Sie ist nicht unbedingt darauf aus, Neues auszuprobieren, aber wenn sie sich zu etwas durchringen konnte, dann zieht sie es durch. Ohne Wenn und Aber.
Mit gerade mal sechs Jahren ist sie bei einem Tagesausflug zu einem Ponyhof vom städtischen Ferienprogramm mitgefahren. Ohne Eltern. Ohne jemanden, den sie kannte. Ohne ein einziges Tränchen.

Aber manchmal, da zeigt sie dann doch ihr Herz. Als sich einmal ihr Bruder eine Platzwunde bei einer Kissenschlacht zugezogen hat (Nein, wir haben keine Fred-Feuerstein-Kissen!), hat es ein wenig gedauert, bis ich herausgefunden habe, welches Kind eigentlich verletzt ist, da Lina fast noch lauter als ihr Bruder geheult hat. Und er tat ihr in dem Moment wirklich leid und sie hatte keine Angst, dass ich mit ihr schimpfe, weil sich ihr Bruder verletzt hat. Glaube ich.

Am Ende gab es aber doch noch Lina- Tränchen bei der Grundschulabschiedsfeier. Sie hat sich das Knie an einer Bank gestoßen.

2 Gedanken zu „Time to say Goodbye

  1. Frau Antje

    Letzte Schultage in der Grundschule sind schon erstaunlich. Bei meiner Tochter heulten alle Mädels und pressten sich an die Lehrerin, die bis dato den Ruf ’strenger alter Besen‘ statt ‚liebes Fräulein‘ genoss und ob der emotionalen Welle keine Miene verzog. Bei den Klängen von „We are the Champions“, wurde die Latte für zukünftige ‚Top-Momente‘ im Leben dann noch noch ganz schön hoch gehängt.
    Da war der Abschied meines Sohnes von der Grundschule und von seinem Lehrer, der selbst in Rente gehen durfte, authentischer. Bei ‚Junge‘ von den Ärzten, des Lehrers Lieblingslied wurde einfach gegrillt, gefeiert und sich per Handschlag ein gutes Leben gewünscht.

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    1. Sandkuchen-Geschichten Autor

      Boah, ein männlicher Lehrer in der Grundschule. Ich dachte, die gäb’s nur in Erzählungen von früher 😉
      Aber es freut mich zu hören, dass man offensichtlich auch zwei Grundschulabschiede überleben kann. Ich war mir da nicht ganz sicher …

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