Verflucht in alle Ewigkeit


Vor vielen, vielen Jahren war ich auf einem Badminton-Turnier. Einer meiner Gegner hat, immer wenn er einen Fehler gemacht hat, „Schitti“ gerufen. Ich fand das damals sehr merkwürdig, weshalb es mir vermutlich auch im Gedächtnis geblieben ist. Mittlerweile denke ich, der hatte einfach kleine Kinder und trainierte sich den Gebrauch von Schimpfworten ab, in dem er sie durch bescheuerte Schimpfwort-Verniedlichungen substituierte. Aber ist das der richtige Weg?
Irgendwann kommen die Kinder unvermeidlich mit Kraftausdrücken in Kontakt. Ist es dann nicht gut, wenn sie schon einen Stamm halbwegs sozial verträglicher Schimpfworte in ihrem Grundwortschatz haben? So ein „Scheiße“ und „Blödmann“ ab und zu tut doch nun wirklich niemandem weh, oder?
Und der Bedarf ist da. Der Mensch schimpft einfach gerne. Und wenn ihm die passenden Worte fehlen, dann erfindet er eben eigene. Lina zum Beispiel. Sie hat vor ihrer Kindergartenzeit immer, wenn sie sich über irgendetwas geärgert hat „Pamme“ gerufen. Wo auch immer sie das her hatte. Doch die Pamme-Zeit ist längst vorbei.  Inzwischen kennen meine Kinder mehr Schimpfwörter als mein Mann und ich zusammen. Deutsch und Griechisch.
Einmal bin ich mit Fritz, damals knapp 8, im Auto gefahren. Als mir jemand die Vorfahrt genommen hat, ist mir ein „Blödmann“ rausgerutscht.
Fritz schaute mich daraufhin mit einem zugleich mitleidigen und leicht belustigtem Blick an:
„Mama. So wird das nichts. Lass mich mal.“
Dann legte er los: „Du a**** H**** einer H****. Wer hat dir denn Autofahren beigebracht? Ich tret‘ dir gleich in deinen ver****  A****!“
Erstaunlich, dass ich nach dieser Schimpftirade nicht vor Schreck gegen den nächsten Baum gefahren bin. Ich war schon einigermaßen schockiert.
„Siehst Du, Mama. So geht das. Tja, Kinder sind einfach besser in Schimpfwörtern.“

Ja, das sind sie wohl wirklich. Schimanski würde nur noch ehrfurchtsvoll Scheiße sagen und den Hut ziehen.
Aber ich weiß nicht, ob der Autofahrer, der mir die Vorfahrt genommen hatte, genauso von Fritz‘ Schimpftirade bei geschlossenen Fensterscheiben beeindruckt war, wie ich.

Es ist wirklich schwierig, den Schimpfwort-Gebrauch der Kinder unter Kontrolle zu halten oder in halbwegs vernünftige Bahnen zu lenken.
Manchmal gibt es ja auch gute Gründe zu schimpfen, zum Beispiel für Lina: „Fritz, du bist ein fürchterlicher Idiot.“
„Lina, hör auf, deinen Bruder zu beschimpfen.“
„Aber wenn er doch einer ist?“
Was soll ich denn da noch sagen? Lügen soll man ja auch nicht.
Immerhin habe ich es halbwegs durchgesetzt, dass zu Hause keine unverzeihlichen Flüche mehr ausgesprochen werden. Es ist schon einige Wochen her, dass der letzte „Avada Kedavra“-Blitz durchs Haus flog.

Statt einen Stein den Berg hinaufzurollen, hätte man Sysiphos auch mit der Aufgabe betrauen können, Schimpfworte von Kindern fernzuhalten.
Aus zu vielen Ecken fliegen diese fiesen, kleinen Worte auf einen zu und setzen sich in den saugstarken Kinderhirnen fest.
Ihr erstes richtiges Schimpfwort hat Lina übrigens von ihrem Opa aufgeschnappt. Natürlich beim Autofahren.

So ein Scheißdreck!

3 Gedanken zu „Verflucht in alle Ewigkeit

  1. Kmam

    Der erste Dreiwortsatz meines Sohnes war damals “ Fahr doch Schnecke“…. Gut, dass manches der kindlichen Aussprache geschuldet eher lustig klang, denn Heisse ist doch immer besser als Sch… Und in Wahrheit sagte er “ Fahr doch Nette“…

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  2. [eigen]art

    Der 1,5-jährige kann „Alter!“ sagen. Und ich muss jedes Mal sehr lachen!
    Ich bin gespannt, was als nächstes kommt. Und (noch) ziemlich entspannt bei der ganzen Sache. Wir fluchen alle, wieso sollten wir es dann also den Kindern verbieten?
    Als er relativ frisch in der Kita war, war er etwas motzig beim Abholen und ich fragte ihn, ob heute alles scheiße wäre. Prompt wurde ich von einer anderen Mutter darauf hingewiesen, dass ich das doch lieber nicht sagen sollte. Wenn die wüsste, dass ich das sogar schon vor versammelter Mannschaft im Stuhlkreis gesagt habe, weil wir verschlafen und ich somit das geplante Gespräch mit der Erzieherin verpasst habe …

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