Jäger des verlorenen Schatzes


„Da hat das rote Pferd, sich einfach umgekehrt …“

Mein Kopf dröhnt und meine Augen sind geblendet von all dem bunten Zeug hier. Neben mir steht eine Prinzessin und wenn mich nicht alles täuscht, dann ist eben der unglaubliche Hulk an mir vorbeigelaufen.
„Da Mama. Da ist eine, die können wir fragen“, zieht mich mein Sohn zu drei Frauen, die sich in eine Ecke verdrückt haben, um bloß keine Kunden bedienen zu müssen.
„Entschuldigung, wir suchen ein Indiana-Jones-Kostüm für den jungen Mann hier“, spreche ich die drei in ein Gespräch vertieften Damen an. Dem kurzen erschreckten Blick folgt ein Aufatmen und die Antwort: „Da müssen sie in die Kinderabteilung. Die ist unten.“
Immerhin wurden wir nicht gleich ausgelacht, ob des eher antiquierten Kostümierungswunschs von Fritz. Vielleicht gibt es ja tatsächlich ein Indiana-Jones-Kostüm in diesem riesigen Faschings-Fachgeschäft, in dem wir uns befinden.

Die Auswahl für Jungs-Kostüme ist gewaltig.
Solange man sich nicht aus dem Star-Wars-Universum herausbewegt.
Da ist Fritz ja eigentlich auch zu Hause wie kein zweiter. Das Lexikon der Schurken, Helden und Droiden hat er auswendig gelernt. Jedi-Kampfsprünge hat er besser drauf als der junge Yoda und man nennt ihn den Guido Knopp der Geschichte der Klonkriege. Da ist er mindestens so bewandert wie Dr. Henry Walton Jones Jr im Bereich der okkulten und religiösen Phänomene und Reliquien.
Aber dieses Jahr sollen das Stormtrooper- und das Darth-Maul-Kostüm im Schrank bleiben. Diesmal muss es Indiana Jones sein. Obwohl ich bezweifle, dass er sich in der Öffentlichkeit damit sehen lassen wird. Verkleiden tut er sich lieber privat zu Hause.

Neben den Fifty Shades of Star Wars kann man in diesem Laden noch Ritterverkleidungen in den Abstufungen klassisch, asiatisch oder wild-west bekommen. Und natürlich Indianer. Aber kein Indiana Jones.

„Zehn nackte Friseusen mit richtig feuchten Haaren“

dudelt es jetzt aus der Beschallung
„Wir suchen ein Kostüm für ihn. Indiana Jones.“
Schon wieder so eine erschrockene Verkäuferin, die mir erleichtert antwortet: „Da müssen Sie in die Kinderabteilung. Jungs. Da drüben.”

Da drüben ist ungefähr einen halben Meter von dem Punkt entfernt, an dem wir uns gerade befinden.
Ich mag es ja, wenn Aufgaben so klar strukturiert und abgegrenzt sind.
Der nächste Verkäufer, den wir erwischen, trägt eine schlecht sitzende Rapunzel-Perücke zu Harry-Potter-Brille und erklärt uns zuversichtlich: „Da kriegen wir was hin. Gehen Sie doch schon mal in die Kinderabteilung und schauen Sie nach dem Pfadfinder-Kostüm, ich hole einen Hut.“
Wir stehen ratlos zwischen Sturmtruppler-, Yoda und Obi-Wan-Kenobi-Kostümen und suchen nach etwas, das ein Pfadfinder sein könnte. Dann kommt der Verkäufer strahlend zu uns zurück und präsentiert uns einen … Tropenhelm?!?
„Wir wollten Indiana Jones. Nicht Albert Schweitzer. Sollten wir nicht lieber in der Cowboy-Ecke schauen?“

„Adelheid, Adelheid, schenk mir einen Gartenzwerg“

Rapunzel-Man recherchiert auf seinem Smartphone und stimmt mir zu. Wir finden einen Hut der uns zusagt und eine Peitsche. Dann übergibt uns der kreative Verkäufer an seinen Kollegen, den Zombie-Piraten. Beiden ist klar, dass jetzt eigentlich nur noch das Pfadfinderkostüm fehlt, und nicht einmal Indies Vater würde einen Unterschied erkennen können.
Das erste Mal werde ich misstrauisch, als uns Käptn Sparrow aus der Kinderabteilung herausführt. Stumm stehen wir da und schütteln den Kopf, als er uns das beigefarbene Matrosenkostüm mit rotem Lätzchen in Herrengröße XXL zeigt. Pfadfinder. Aha. Habe ich beim Fähnlein Fieselschweif so noch nicht gesehen.
„Wir überlegen uns was anderes“, bedanke ich mich. „Wir schauen noch mal im Internet. Da ist es eh viel besser als hier“, kräht mein Sohn. Der Zombiepirat dreht sich um und geht.

„Schatzi hol mal Bier, Du wirst schon wieder hässlich.“

Der Vorrat an Karnevalsknallern scheint endlos. Endlos geschmacklos.
Kein Wunder, dass die hier alle so verstrahlt sind. Wenn ich den ganzen Tag das Gedudel ertragen müsste, dann würde ich mir auch eine Rapunzelperücke und einen Piratenhut über die Ohren ziehen.

Wir gehen noch mal in die Pistolenecke, um nach einem Holster zu schauen, in das man die Peitsche stecken kann.
„Indiana Jones hat die immer im Gürtel. Aus dem Holster rutscht die raus.“
Ein gänzlich unverkleideter Verkäufer steht plötzlich hinter uns und berät uns mit flüsternder Stimme und starrem Blick. Aber er scheint mir hier der erste zu sein, der weiß, wovon er spricht.
„Und wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf – machen Sie unten in die Peitsche noch einen dicken Knoten. Dann knallt sie besser.“

„Und wenn ich Dir einen Tipp geben darf“, sage ich zu meinem Sohn, als wir den Laden mit dem heiligen Gral und der Bundeslade dem Hut und der Peitsche verlassen, „dann benutzt Du die Peitsche weder im Haus noch in der Schule. Und nicht in der Nähe von Menschen.“
„Und wenn doch?“
„Dann gehst Du dieses Jahr als Pfadfinder. Mit Tropenhelm.“

Mein Senf dazu

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