Was sich liebt, das neckt sich


In dem Fragebogen bei den U-Untersuchung steht zwischen den Fragen nach Zappeligkeit, Schlafstörungen und sonstigen sozialen Auffälligkeiten auch folgendes:
Streitet sich ihr Kind fast jeden Tag mit seinen Geschwistern?
Beim Auswerten des Fragebogens lacht die Kinderärztin und meint: „Da werde ich immer misstrauisch, wenn jemand bei dieser Frage „Nein“ angekreuzt hat.“
Ertappt.
Natürlich streiten meine Kinder sich häufig, fast täglich, andauernd.
Und ich soll immer der Schiedsrichter sein. Und darüber urteilen, wessen Schlag oder Beleidigung gerechtfertigt war.
Als unerfahrene Mutter neigt man dazu, erst einmal dem am meisten heulenden Kind recht zu geben und das andere anzuraunzen und mit irgendwelchen unsinnigen Sanktionen zu belegen.
Nach neunjährigem Zweifachmutterdasein bin ich immerhin so klug, mir die ganze Geschichte von Anfang an anzuhören. Und dann stehe ich genauso schlau da wie vorher, weil ich nämlich zwei verschiedene Versionen gehört habe.
Und dann soll ich urteilen.

Meist bringe ich das Kind, das entweder vermutlich angefangen hat oder die verwerflichere Tat begangen hat dazu, sich zu entschuldigen. Das führt dann allerdings meist direkt zum nächsten Streit, da die Entschuldigung im Normalfall nicht so ausfällt, wie es sich das vermeintliche Opfer vorgestellt hat. Entweder ist die Bitte um Verzeihung nicht aufrichtig genug gemeint, zu schnell, zu leise, zu patzig oder zu albern vorgetragen worden.
Natürlich zweifle ich auch an Fritz‘ Aufrichtigkeit, wenn er sich nach halber Schraubdrehung vor mir auf die Knie fallen lässt und mit ausgebreiteten Armen, als wollte er um meine Hand anhalten „Entschuldigung“ flötet. Allerdings ist das dann so komisch und unerwartet, weil er vorher noch so motzig war, dass man meinen könnte, man hätte es mit Muffi Schlumpf persönlich zu tun, dass man nicht anders kann, als ihm zu verzeihen. Zumindest geht mir das so. Lina scheint gegen solche Auftritte hingegen völlig immun zu sein.

Ich habe es bei der Streitschlichtung auch schon mit salomonischen Urteilen versucht.
Sie wissen, der König, der das Kind teilen wollte, um die wahre Mutter herauszufinden. Aber anscheinend sind meine Kinder nicht besonders bibelfest, zumindest rufen beide immer laut „Ja“, wenn ich anbiete, das Geschwisterkind zu verhauen.
Mache ich dann natürlich nicht. Obwohl mir manchmal bei dem Gezeter und Geschreie um mich herum durchaus danach wäre.

Nur wenn ich mich über irgendeinen von den beiden aufrege, dann halten die zwei plötzlich zusammen wie Kaugummi und Schuhsohle.
Als Fritz knapp über zwei war, hat er im Hauwirtschaftsraum das Waschpulver über dem kompletten Boden verteilt und Sandkasten gespielt. Als ich dabei war, die Schweinerei wieder wegzufegen, hat er die Zeit genutzt und im Schlafzimmer die Kommode mit den frisch gebügelten Sachen komplett leer geräumt. Um nicht ganz durchzudrehen, habe ich den kleinen Kerl kurzerhand vor die Tür gesetzt, damit er nicht noch mehr Unfug machen kann.  Lina hat aus lauter Angst um ihren Bruder geheult:

„Ruf‘ die Oma an. Die nimmt ihn, egal was er macht.“

Ich habe ihn dann doch selbst behalten, inzwischen macht er diese Art von Unfug ja auch nicht mehr.

Aber was mach ich nun, wenn sich die Kinder streiten und ich soll entscheiden, wer angefangen hat? Ich bin dazu übergegangen, das einfach zu ignorieren. Sollen sie sich doch die Köpfe einschlagen, mein Nervenkostüm lasse ich mir nicht zerreißen. Darwin und so.
Aber da habe ich nicht bedacht, dass es ja auch immer Weiterentwicklungen bei Darwin gibt.

„Mama, der Fritz hat mich getreten!“

Ich kann inzwischen sehr glaubhaft so tun, als würde ich Dinge nicht hören. Kurz darauf musste ich dann aber doch zusammenzucken, als meine Tochter laut rief:

„Zu wem gehört dieses furchtbare Kind eigentlich? Also wenn ich die Mutter wäre, dann würde ich mich schämen.“

Dieser Artikel erschien auch auf http://www.eltern.de.

3 Gedanken zu „Was sich liebt, das neckt sich

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