Und bis wir uns wieder sehen halte Gott Dich fest in seiner Hand


Mein Sohn ist ein Sammler. Er sammelt Radiergummies, Einträge in sein Hausaufgabenheft und Fußballbildchen. Die kauft er immer im Kiosk bei uns an der Ecke. Ich behaupte mal, dass der Kiosk einen nicht unerheblichen Teil seines Umsatzes mit dem Geburtstags- Weihnachts- und Taschengeld dieses Kindes macht.

Das finden wir Eltern nicht so gut und erlauben es auch nicht. Aber das Kind ist maßlos, wenn es um Fußballbildchen geht. Wenn er nur mal so ausgiebig Klavier üben würde wie Fußballkärtchen sortieren.

Vor knapp zwei Wochen kam nun die Frau vom Kiosk in den Laden meines Mannes, um ihn darüber zu informieren, dass sein Sohn morgens vor der Schule bei ihr aufschlägt, um Fußballbildchen in durchaus mehr als haushaltsüblichen Mengen zu kaufen.
Natürlich wussten wir nichts davon.
Aber gefreut habe ich mich sehr, dass sie uns Bescheid gesagt hat. Es könnte ihr ja auch egal sein. Ich mag dieses gegenseitig aufeinander Schauen bei uns im Vorort. Man kennt sich, man hat ein Auge aufeinander.

Was soll hier passieren?

Nun ist die Frau vom Kiosk tot.
Erschossen in ihrem Laden.
Keine Woche, nachdem sie uns von den Hamsterkäufen unseres Sohnes erzählt hat.
Keine Woche mehr bis zum Heiligen Abend.
Morgens um 8:40 Uhr.
Eine Stunde früher wäre vielleicht auch mein Sohn da gewesen.
Eine Stunde später und der Täter wäre vielleicht in den Laden meines Mannes gegangen.

Bis in die Nacht habe ich mit den Kindern über die schreckliche Tat gesprochen.
Versucht, zu erklären, was nicht zu erklären ist.
„Nein, der kommt nicht, um sich bei uns zu verstecken.“
„Nein, der kommt auch nicht und erschießt den Papa.“
„Natürlich kann ich Dich morgen mit dem Auto zur Schule fahren und der Papa holt Dich ab.“
„Bestimmt dürft Ihr morgen wieder auf den Schulhof.“
„Die Polizei hat den bestimmt bald.“
„Vermutlich ist der gar nicht mehr in Deutschland.“
„Ich weiß nicht, ob der Kiosk wieder aufmachen wird.“

Aber wie sich mein Sohn jetzt auf Weihnachten und seinen Geburtstag freuen soll, das konnte ich ihm auch nicht erklären.

„Und was ist da eigentlich in Berlin los?“
„Warum machen Menschen das?“

Mir gehen die Antworten aus. Ich bin fassungslos über dreiste Idioten, die arme Obdachlose anzünden, über Menschen, die Religionen missbrauchen für was auch immer und über jemanden, der einen Kiosk überfällt, der hundert Meter entfernt von der Polizeistation ist und in dem morgens vielleicht zehn Päckchen Zigaretten und fünfzehn Mal die Bild-Zeitung über die Theke gegangen sind.

Ich habe, um meiner Hilflosigkeit irgendetwas entgegenzusetzen, an diesem Abend noch Geld an verschiedene Hilfsorganisationen gespendet, die Bildungsprojekte in der ganzen Welt – auch hier in Deutschland – unterstützen. Ich glaube nämlich, dass Bildung der einzige Weg ist, um solche wahnsinnigen Taten zu verhindern.
Und besser weiß ich es einfach nicht.
So lange versuche ich, meinen Kindern das beste Vorbild zu sein, mehr kann ich jetzt nicht tun.

Weihnachten haben wir dann doch gefeiert. Wir waren nach der Bescherung in der Christmette und haben zum Abschluss noch dieses wunderschöne irische Segenslied gesungen

Dabei hat jeder Gottesdienstbesucher eine Kerze angezündet und das warme Licht in der Kirche hat ein wunderbar warmes Gefühl im Herzen erzeugt.

Auf dem Heimweg sind wir dann noch die zwei Häuser weiter bis zum Kiosk, der jetzt ein Tatort ist, gegangen und haben dort unsere Kerzen aus dem Gottesdienst dazugestellt.
Es war die Idee meiner Tochter. Der Samen scheint aufzugehen.

Dem Ehemann und dem Neffen der Toten, die ebenfalls bei dem Überfall schwer verwundet wurden, gilt mein größtes Beileid und ich hoffe, sie finden die Kraft mit dieser grauenvollen Tat weiterleben zu können.

Der Täter wurde in der Nacht auf den Heiligen Abend gefasst.
In seiner Wohnung um die Ecke.

Ihr da draußen: Passt gut auf Euch und auf einander auf.

Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott Euch fest in seiner Hand.

3 Gedanken zu „Und bis wir uns wieder sehen halte Gott Dich fest in seiner Hand

  1. schnipseltippse

    Oh Mensch, deine letzten Beiträge wurden mir gar nicht angezeigt, ich lese das erst jetzt. Es ist schrecklich, was in der Welt vor sich geht. Ich bin ganz deiner Meinung, dass nur Bildung helfen kann, aber leider ist das nicht in jedermanns Interesse.

    Gefällt 1 Person

    Antwort

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