Parallelwelten


ballettManchmal glaube ich, dass ich auf einem anderen Planeten lebe als meine Kinder. Zumindest in einer anderen Welt – in einer Art Paralleluniversum. Erschwerend kommt noch hinzu, dass wir außerdem unterschiedliche Sprachen sprechen. Jedenfalls habe ich manchmal den Eindruck.
Wenn ich zum Beispiel sage: „Räumt eure Zimmer auf“, dann versteht Lina „Wirf‘ alle Spielsachen in die Zimmermitte und unter die Schränke und setz‘ dich vor die Glotze“.
Bei Fritz kommt an: „Hock‘ Dich aufs Klo und daddel auf dem Smartphone“.
Und selbst wenn meine Kinder mich verstehen, dann wird 90% von dem, was ich sage, abgetan mit „Ist doch igal“.
Nein, ist es nicht, es ist nämlich egal, aber das ist ihnen dann auch gerade mal igal.
Ich kann mir den Mund fusselig reden, meine Kinder verstehen mich einfach nicht. Fritz versteht nicht, warum nicht jeder Helene Fischer in voller Lautstärke toll findet und Lina findet nicht, dass man besonderen Wert auf Rechtschreibung legen sollte, wenn es sich um eine Sachkunde-Arbeit handelt, wo nur der Inhalt bewertet wird.

Ein besonders schönes Beispiel von verschiedenen Sichten auf die gleichen Dinge ist mein letzter Geburtstag. Morgens hatten die Kinder einen Schwimmwettkampf. Schwimmhallen sind nur schön für Leute, die a) gerne schwimmen und b) dort in Badeanzug oder –hose unterwegs sind. Angezogen und als Zuschauer am Rand ohne Chance auf eine Sitzmöglichkeit, weil noch ungefähr 100 andere Eltern sich in die Halle quetschen, ist es eher etwas für Leute, die auch gerne 8000er ohne Sauerstoffgerät besteigen und auf Almhütten mit zwanzig anderen in einem Zimmer übernachten, Ultramarathon rennen oder am 24.12. alle Weihnachtsgeschenke für eine zwanzigköpfige Familie besorgen. Ich weiß ja nicht, wie es anderen geht, aber mich regen solche Wettkämpfe zudem immer besonders auf. Ich hatte Fritz genau erklärt, dass er ins Wasser springen soll, wenn der Schiedsrichter pfeift. Am liebsten hätte ich ihn geschubst, als die anderen schon zehn Meter geschwommen waren, mein Sohn aber immer noch auf dem Startblock stand und zu mir rüber gebrüllt hat, ob er jetzt springen solle.
Nach dem Schwimmwettkampf und vor dem Abendessen mit der ganzen Familie samt Oma und Opa ging es nahtlos weiter zum nächsten Höhepunkt des Jahres: der Weihnachtsfeier des Turnvereins. Hier zeigt in der dezent weihnachtlich geschmückten Turnhalle jede Gruppe, was sie das ganze Jahr so gemacht hat. Es sind viele Gruppen, aber viel gemacht haben sie nicht so das ganze Jahr. Ein kleines Highlight ist es dann immer für mich, wenn eines der vielen dicken Kinder beim Sprung über den Kasten hängenbleibt und der Übungsleiter es dann mit rotem Kopf drüber wuchten muss.
Ansonsten herrscht in der Halle ein Trubel wie auf einem Großstadtbahnhof. Die Menschen schauen höchstens dann zur Bühne, wenn irgendein Familienmitglied dort etwas aufführt, ansonsten transportieren sie lautstark Kuchenstücke von links nach rechts und die Kinder spielen um die dicht gestellten Tische und Stühle Fangen und Verstecken.
Lina ist in der Ballettgruppe. Sie macht das seit sie fünf ist, also seit mittlerweile vier Jahren. Bis zum Bolschoi-Ballett wird sie es nicht schaffen, aber ich denke mir immer, dass sie am Tisch wenigstens eine gute Haltung haben sollte, wenn sie schon das Schmatzen nicht sein lassen kann.
Hübsch sieht sie aus in ihrem rosa Tütü als Glitzerfee oder Schneeflocke oder Weihnachtswichtel. Die Choreographie weicht jedes Mal nur marginal vom Vorjahr ab, genauso wie der Leistungsstand der Truppe. Aber die Ballettlehrerin ist nett und Lina hat Spaß. Diese Ballettlehrerin war es dann auch, die mir grinsend zu meinem Geburtstag gratulierte und sagte: „Lina hat mir erzählt, was Sie heute alles gemacht haben und noch vorhaben. Sie ist der Meinung, dass es der schönste Geburtstag sein müsste, den Sie je gehabt hätten. Ob das die Mutti auch so sieht?“
Ach, ist doch igal.

Mein Senf dazu

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