Es geschah am hellichten Tag


weisser-lieferwagenIn der Zeitung stand geschrieben, es wäre ein Hoax. Das klingt, als handelt es sich hierbei um irgendetwas Magisches aus der Harry-Potter-Welt. Aber Hoaxe gibt es wirklich. Viele. Ständig.
Ein Hoax ist eine erfundene Geschichte, die aber viele Menschen für bare Münze nehmen. Meist handelt es sich bei Hoaxen um weniger erfreuliche Dinge, die den Leuten Angst machen und sie verunsichern.
Nun gut. Der Mann im schwarzen Jogginganzug, der im vergangenen Jahr die Jungs mit Fußballbildchen gelockt hat, wurde nie gefasst, weil es ihn wohl auch nicht gab.
Aber bei diesem weißen Lieferwagen kann es sich unmöglich um einen Hoax gehandelt haben, schließlich haben ihn doch so viele Kinder gesehen.
Der Mann mit dem weißen Lieferwagen fuhr nämlich einfach so, ganz dreist  am hellichten Tag vor den Grundschulen vor, sammelte Kinder ein und verkaufte sie an die rumänische Organ-Mafia. Jaha. Wurde gar nichts in der Zeitung berichtet? Alles vertuscht, sage ich.

Ich hatte Fritz zum Schuster geschickt, meine Schuhe abholen, die fertig sein mussten. Als er wieder zurückkam, war er empört: „Mama, stimmt das? Wir dürfen nicht mehr alleine auf die Straße, weil der Mann im weißen Lieferwagen Kinder klaut?“
„Wer sagt denn so was?“
„Ich habe gerade die Mama vom Max getroffen. Die hat mich ganz ängstlich angeschaut und gesagt, ich solle schnell wieder heimgehen, sie geht jetzt zur Polizei und erstattet Anzeige. Der Max wäre nämlich von dem Mann im weißen Lieferwagen angegriffen worden.“
Ein wenig später spazierte Fritz mit seiner Oma die Straße lang und traf dabei wieder auf Max‘ Mutter. Sie kam gerade von der Polizeiwache, wo sie weggeschickt wurde, da gerade so viel zu tun sei. Wichtigere Dinge als der weiße Lieferwagen? Da kann einem ja nur Angst und Bange werden.
Max‘ Mutter hat dann meine Schwiegermutter eindringlich gewarnt und konnte überhaupt nicht verstehen, warum wir Fritz alleine auf die Straße lassen, gerade wo der arme Junge diesen Mann mit dem Lieferwagen ja auch gesehen hatte.
„Aha, Fritz, Du hast also den Lieferwagen auch gesehen?“
„Ähm, ja. Neulich auf dem Schulweg. Hendrik war auch dabei.“
Naja, wenn Hendrik dabei war, dann muss die Geschichte ja stimmen.
„Wie sah der denn aus, dieser Lieferwagen?“
„Blau mit roten Streifen.“
„So, so. Und der Mann da drinnen hat euch mit einer Pistole bedroht, hat mir Max‘ Mutter erzählt?“
„Naja, als wir dran vorbeigekommen sind, saß gerade niemand drin. Aber der Damian ist kurz vor uns gegangen und der hat ihn gesehen – mit Pistole in der Jacke.“

Das Kaliber konnten wir dann nicht mehr klären. Im Gegensatz zu Max‘ Mutter habe ich meine Kinder aber nicht vom Hort abgemeldet, um sie jetzt nach der Schule selbst zu betreuen. Allerdings macht denen Rock- und Pop-Musik, die da gehört wird, auch nicht so viel aus wie dem sensiblen Max. Ganz im Gegenteil – die freuen sich, wenn sie mal nicht das Klassik-Gedudel hören müssen, das ihre Mutter immer im Radio laufen lässt.
Vor unserem Tor steht übrigens sehr oft ein weißer Lieferwagen. Er gehört dem Nachbarn, einem Obst- und Gemüsehändler. Verdächtigerweise ist der auch noch Österreicher. Ob ich mal Max‘ Mutter darauf aufmerksam machen sollte?

Ein Gedanke zu „Es geschah am hellichten Tag

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