Nicht für die Schule, für die Lehrerin lernen wir


schulranzen-sandkuchen-gescEigentlich wollte Lina nie in die Schule. Neuem gegenüber ist sie nicht unbedingt aufgeschlossen und ihre Erzieherinnen im Kindergarten waren soweit OK und es gab dort ausreichend Papier und Stifte, also was bitte schön soll sie in der Schule?
Allerdings wollte sie auch nicht unbedingt morgens von der Polizei in die Schule abgeführt werden und alle ihre Freundinnen mussten auch dahin, also hat sie sich halt in ihr Schicksal gefügt und ist eines schönen Jahres Anfang August der Aufforderung gefolgt, doch künftig die Schule zu besuchen.
Sie hatte gehört, dass man die Kinder mit einem Haufen Geschenke und Süßigkeiten, präsentiert in einer hübsch gestalteten Tüte, am Anfang besticht, das wollte sie sich dann doch nicht entgehen lassen.
Wie es bei meiner Tochter eigentlich immer der Fall ist, lösten sich die Bedenken, die ihr wochenlang die Laune vermiest hatten, am ersten Schultag direkt in Luft auf. Fünf neue Freundinnen auf einen Streich  und eine gute Fee als Lehrerin, sowas findet man sonst nur bei den Brüdern Grimm.

Ab sofort zählte die Meinung ihrer Eltern nicht mehr (ich bilde mir wenigstens ein, dass sie es vorher getan hat). Von Stund‘ an war das, was Frau Sch. sagte, Gesetz.
„Nein, wir sollen keine Rechtschreibfehler korrigieren, hat Frau Sch. gesagt.“
„Frau Sch. hat aber nicht gesagt, dass ich den Stift anders halten soll.“
„Wenn wir zu spät kommen ist nicht so schlimm, Hauptsache, wir haben die Zähne geputzt, sagt Frau Sch.“
Irgendwann konnte ich verstehen, warum die Stiefmutter so sauer auf das Schneewittchen war. Wenn ich permanent gesagt bekommen hätte: „Aber Frau Sch. über den sieben Bergen….“, dann hätte ich es vermutlich nicht bei Haarspangen, Gürteln und Apfel belassen.
Das muss man sich mal überlegen: Frau Sch. ist selbst nur geringfügig älter als die ihr anvertrauten Schüler und so jemand hat mehr Einfluss auf meine Kinder als ich. Und was sie denen beibringt!
Einmal kamen meine Kinder zu mir und wollten auf einer von meinem Platz aus nicht einsehbare Landzunge am Rheinufer spielen. Ich war dagegen. Daraufhin rief Lina: „Wer ist dafür, dass wir dahin gehen?“ Lina und Fritz meldeten sich, meine Hand blieb unten.
„So. Zwei zu eins. Wir gehen also. Tja, Mama. Das ist Demokratie.“

Das mit den Kinderrechten und der Demokratie hat also geklappt, aber Ordnung konnte Frau Sch. meiner Tochter bisher noch nicht beibringen. Auch wenn in der ersten Klasse bereits vertraglich festgelegt wurde, dass Lina mehr Ordnung halten soll. Aber den Satz „pacta servanda sunt“ haben sie wohl noch nicht durchgenommen. Aber vielleicht findet Frau Sch. die Ordnung in Linas Ranzen ja auch so normal und prima wie ihre Rechtschreibung. Ich jedenfalls hätte andere Ansprüche an eine Note Eins in Arbeitsverhalten und Deutsch.

Allerdings hat Frau Sch. Lina dafür etwas anderes juristisches beigebracht, nämlich dass man Unterschriften nicht fälschen sollte. Ihre erste Arbeit hatte Lina vergessen, mir zur Unterschrift vorzulegen, also beschloss sie kurzerhand, das selbst zu erledigen. Frau Sch. hat aber irgendwie gemerkt, dass das krakelige Verena unter der Arbeit  nicht von mir war und sie darauf hingewiesen, dass man das nicht machen darf und dass das „Unterschrift fälschen“ heißt.

Ich war eigentlich vor allem froh, dass Lina so clever war, mit meinem Vornamen und nicht mit Mama zu unterschreiben.

6 Gedanken zu „Nicht für die Schule, für die Lehrerin lernen wir

  1. hallwayposts

    Also iiiiirgendwie kann ich diese Frau Sch. jetzt schon nicht leiden.. Bei Kindern ist es zwar ganz normal, dass sie ab und zu mal rebellieren, aber dass deine Tochter sich dann so viel erlaubt ist schon seltsam… Kann aber auch sein, dass es mir nur so vorkommt. Bin ja schließlich noch weit vom Kinderkriegen entfernt und als Kind war ich immer brav. 😀
    Eine Sache regt mich aber noch am meisten auf: Laut dieser Lehrerin sollen die Kinder KEINE Rechtschreibfehler korrigieren??! (Sorry, hab ’nen leichten Hang zur Sprach-/Schriftkorrektur – meine Freunde nehmen’s mir schon manchmal übel..)
    – Selina

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    1. verenawagenpfeil Autor

      Leider ist das inzwischen weit verbreitete Praxis, die Kinder am Anfang nach Gehör schreiben zu lassen, um ihre Lust am Schreiben nicht im Keim zu ersticken. Es mag verschiedene Meinungen dazu geben, ich bin nach den Erfahrungen mit meiner Tochter strikt dagegen. Der Sohn kommt damit besser klar, weil es ihm wichtig ist, Dinge richtig zu schreiben.
      Selbstverständlich war ich als Kind auch engelsgleich brav, aber heutzutage Kindererziehen kann man ja überhaupt gar nicht mit früher vergleichen… 😉

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  2. maunzilla

    Das mit dem Nicht-Korrigieren-Dürfen kann ich ebenfalls bestätigen… Auch in der Schule meines Cousins ist es gängige Praxis, dass man die Kinder einfach machen lässt..
    Ich persönlich bin kein Fan davon… In der ersten, vielleicht auch in der zweiten Klasse dürfen sie so schreiben, wie sie es hören/wollen und werden noch nicht bewertet. Aber irgendwann wird die Methode des Noten-Vergebens eingeführt und dann wird eben auch darauf geachtet, ob eine Kind die Rechtschreibung beherrscht oder nicht und sie hat entscheidenden Einfluss auf die Note.
    Wenn ein Kind sich aber nun angewöhnt hat, Worte in „Eigeninterpretation“ zu schreiben, bringt es ihm zu diesem Punkt auch nichts mehr, dass der „Schreiblust nicht im Keim erstickt“ wurde. Denn durch eine schlechte Note, die durch eine miserable Rechtschreibung bedingt ist, wird ein Kind garantiert nicht dazu motiviert sein, sich weiterhin mit der hohen Kunst des Schreibens zu beschäftigen..

    Der Bloggeintrag hat mir aber sonst sehr gut gefallen! Ich lese sehr gerne deine Beiträge und schmunzel in mich hinein. Dankeschön für die schönen Geschichten aus dem Alltag!

    Viele Grüße 🙂

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  3. Pingback: Nicht für die Schule, für die Lehrerin lernen wir | Sandkuchen … | webindex24.ch – News aus dem Web

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