Dienst nach Vorschrift


„Ich bin keine Perfektionistin.“
Punkt. Ein leiser Vorwurf schwingt in diesem Ausspruch meiner Tochter mit. Bei genauerem Hinhören sogar ziemlich laut und deutlich. Dieser Satz sagt so viel wie „Für mich ist der Zustand meines Zimmers/meine Hausaufgabe/meine Frisur/das Bild für Oma… völlig ok, also hör‘ gefälligst auf, mich mit deinen Ansprüchen zu nerven“.
Dabei will ich doch nur, dass meine Kinder (und in dem Fall schließe ich meinen Gatten in diesen Kreis mit ein) sich Mühe geben bei den Dingen, die sie machen. Mach‘ ich ja auch. Machen die aber nicht so gerne. Oder nur bis zu einem gewissen Grad.
Vorletztes Jahr habe ich einen Adventskalender mit 19 Türchen von meiner Tochter bekommen. Ja, ich sollte mich freuen, dass ich überhaupt etwas bekomme, die armen Kinder in Afrika und so weiter, ich weiß. Aber trotzdem wären 24 kleine Überraschungen auch schön gewesen. Letztes Jahr gab es dafür dann am 3. Dezember einen Adventskalender mit 27 Türchen. Da hat sie beim Erstellen den Überblick verloren und wollte dann aber auch nichts mehr dran ändern. Allerdings musste ich mir den Kalender auch mit meinem Mann teilen, waren dann 13 ½ Türchen für jeden. Muss reichen für so eine Adventszeit. Entschleunigt ja auch ein bisschen, wenn man nicht jeden Tag ein Türchen öffnen muss.

Zwei Monate nach Weihnachten ist Lina dann aufgefallen, dass sie uns gar nicht das Hauptgeschenk für den 24. 12. gegeben hatte: einen aus einer Klopapierrolle gebastelten Elch. Ohne Gesicht. Dafür mit zwei Beinen. Hätte hübsch aussehen können, ist aber leider nicht fertig geworden. Sie plant jetzt den Einsatz des gesichtslosen Zweibein-Elchs im nächsten Adventskalender – wenn es denn einen gibt. Vielleicht malt sie das Vieh bis dahin ja auch noch an.

Aber auch ihr Bruder, eigentlich für alles zu begeistern, besonders für die Sachen, von denen er besser die Finger lassen sollte, wird sehr beamtisch, ja fast kafkaesk, wenn es um Dinge geht, die Mühe erfordern oder über das hinausgehen, was von ihm erwartet wird.
Dann schaltet er ruckzuck um auf „Dienst nach Vorschrift“. Als er in der ersten Klasse war, sollte er einmal eine Rechenaufgabe lösen: „Fritz, was ist 17 plus 5?“
„Zweiund- Weiß ich nicht. Wir rechnen nur bis Zwanzig.“

Die freiwilligen Fleißaufgaben in der Schule machen beide Kinder grundsätzlich nicht. Lina höchsten manchmal, um der Lehrerin einen Gefallen zu tun und bei Fritz vermute ich, dass das mit Coolness zu tun hat. Einmal hat er nämlich aus Versehen so eine Sternchen-Aufgabe gemacht. Glücklicherweise ist es ihm vor der Schule noch aufgefallen, da konnte er alles rechtzeitig wegradieren.

Aber eigentlich ist dieser Hang zum Unperfekten bei meinen Kindern auch nicht immer ganz falsch. Einmal habe ich einen Kuchen für einen Flohmarkt gebacken und bin grandios an der Backmischung gescheitert. Innen war der Kuchen noch matschig, aufgegangen ist er dafür nicht und beim Rausnehmen aus der Form ist er auch noch zerbrochen. Ich wollte gerade anfangen, einen weiteren zu backen, da holte mich mein Sohn aus meinem Ich-will-alles-toll-machen-Hamsterrad heraus: „Mama. Du willst doch nicht wirklich einen zweiten Kuchen backen? Für einen Flohmarkt?“
Ich habe dann den kümmerlichen Teigbrösel-Haufen mit Schokoguß überzogen und mit reichlich bunten Zuckerstreuseln dekoriert.
Er war als erstes ausverkauft.

In dem Sinne: Euch allen da draußen eine schöne Adventszeit. Lasst es ruhig angehen. Es müssen nicht immer zehn verschiedene Sorten Plätzchen sein.
Neun reichen auch.

Mein Senf dazu

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