Der Aufräumwüterich


Der regt mich auf. Er macht mich nachgerade wahnsinnig. Eigentlich darf ich gar nicht laut sagen, was mich so aufregt. Weil da nämlich niemand für Verständnis hat. Wofür ich wiederum Verständnis habe. Denn mein Problem ist, dass Fritz so gerne aufräumt. Zumindest seit ein paar Wochen.
Und dabei neigt er wie so oft zur Übertreibung und zur Pedanterie.
Ständig kommt er mit irgendwelchen Vorschlägen, wie man was am besten neu ordnen könnte. Und wie bei dem Verlangen nach Nahrung, soll das dann immer sofort umgesetzt werden. Und zwar von ihm. Weil er ja alles kann.
Das führt dann wieder zu Streit mit anderen Familienmitgliedern, die nicht ganz so gerne aufräumen wie er, zum Beispiel seine Schwester. Sie hat ihre ganz eigene Ordnung, in der sie sich halbwegs zurechtfindet und ansonsten wunderbar wohl fühlt.

Als Lina einmal auf Klassenfahrt war, hat Fritz die Gelegenheit genutzt und ihr Zimmer aufgeräumt. Stundenlang. Blitzeblank. Ich habe ihn darauf hingewiesen, dass Lina vermutlich nicht die gebührende Dankbarkeit zeigen wird. Natürlich gab es nach ihrer Rückkehr einen Haufen Ärger für den armen Kerl, aber wer nicht hören will, der muss sich halt was anhören.

Natürlich ist es nur schwer zu verstehen, wenn ich über Fritz‘ Aufräum- und Aussortier-Wut stöhne.
Aber wenn man morgens um viertel vor sieben, vor dem ersten Kaffee, schlaftrunken über den Flur wankt und als erstes damit konfrontiert wird, was heute an Teilschritten zur Fertigstellung des Gesamtprojekts „aufgeräumtes Zimmer“ geplant ist, dann kommt man schon an seine Grenzen.
Dazu kommt, dass Fritz ganz schrecklich gerne die große Welt in seine eigene kleine kopiert.
Bei uns wird gerade das Haus verputzt, also wurde umgehend auch Fritz‘ Playmobil-Haus renoviert. Da kam dann der Kran vorbei und hat erst einmal ein Dixi-Klo für die Bauarbeiter abgeladen und danach geholfen, das Haus einzurüsten. Nachdem hier die Bauarbeiten abgeschlossen waren, hat er die „Renovierung“ seines Zimmers in Angriff genommen. Auch hier wurden selbstverständlich Baustellenschilder aufgehängt und Gerüste konstruiert. Da diese nicht vom TÜV abgenommen werden, habe ich gerne ein Auge darauf, damit er nicht vom Stuhl fällt, der auf der Trittleiter steht, die wiederum auf dem Bürostuhl mit Rollen steht. Und das stresst.
Denn wie es im Leben nun einmal so ist, hat er nicht nur eine Baustelle, sondern wahnsinnig viele.
Neben seiner Repzepzion, dem Supermarkt mit den Dependancen und dem Bauhof im Hof, muss er ja auch noch unbedingt im Fotostudio seines Vaters die Gummis sortieren oder die Bleistifte spitzen. Kunden fotografieren darf er leider nicht. Vielleicht weil er die Kunden dann immer zu Fratzenfotos auffordern würde. Der Lieblingsmann ist da ein bisschen humorlos.
Manchmal lässt ihn die Oma ans Telefon. Findet der Lieblingsmann dann auch nicht so richtig lustig. Obwohl Fritz alle Fragen nach Preisen und Öffnungszeiten durchaus korrekt beantwortet.
Aber zurück zum Thema: Dann muss er ja auch noch die „richtige“ Baustelle, die Verputzung des Hauses, überwachen. Jeden Tag wird ein Kontrollgang übers Gerüst vorgenommen und die Bauarbeiter gefragt, was sie heute gemacht haben und was sie für morgen planen. Ich denke, wir sollten das Honorar des Bauleiters kürzen – das kann auch mein Sohn übernehmen.
Aber die Ordnung und Kontrollwut haben nicht nur Schattenseiten:
„Sag mal Fritz. Kann man in so einer Ordnung überhaupt vernünftig spielen?“, habe ich meinen Sohn gefragt.
„Na klar. Du wirst lachen, Mama. Sogar viel besser. Man kann sich jetzt nämlich sogar zum Spielen hinsetzen. Ohne dabei was kaputt zu machen.“
Aus dem Nebenzimmer kam nur verächtliches Grunzen, das in etwa wie „Blödmann“ klang.

Neulich waren wir bei meinen Eltern gemütlich Kaffee trinken. Irgendwann hörte man die leicht genervte Stimme meines Vaters: „Nein, Fritz. Der Keller muss jetzt nicht aufgeräumt werden. Das hast Du doch erst letzte Woche gemacht.“

Dummerweise sucht sich Fritz seine Projekte am liebsten selbst aus. Mein Vorschlag „Projekt Kaninchenkäfig-Säuberung“ mit in seine Todo-Liste aufzunehmen, stieß noch nicht auf Zustimmung.



Diese Geschichte schlummert nun schon seit ein paar Jahren in meinem Archiv. Diese Aufräumphasen kommen tatsächlich immer mal wieder. Manchmal auch bei mir, dann finde ich Dinge wieder. Wie diese Geschichte, weswegen sie jetzt veröffentlicht wird. 

Wie sieht es bei Euch aus? Habt ihr eher Linas oder Fritze zu Hause?

Ein Gedanke zu „Der Aufräumwüterich

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