Bildungspolitik im Distanzunterricht: Setzen, sechs! #digitalpaktsendlichan!


Bei uns wird nun schon eine ganze Weile distanzunterrichtet, oder wie die Kinder es nennen: Hurra, Ferien!
Auch wenn die Politik und die in den vergangenen Jahren sträflichst vernachlässigte technische Infrastruktur sich größtmögliche Mühe geben, diese Art der Beschulung zu verhindern, so kämpft unsere Schule mit ihrem Häuptling und ihrem IT-Fachmannlehrer, der jetzt schon 124 werden muss, um die angesammelten Überstunden wieder abzufeiern, wie das berühmte gallische Dorf dafür, dass sich die Kinder nicht den ganzen Tag mit Youtube, Netflix und Fifa langweilen müssen.

Und zu bekämpfen gibt es einiges: Endgeräte für Schüler*innen, die über kein eigenes verfügen, sich aber auch keines leisten können, waren schon fast in Sichtweite, durften dann allerdings wegen Lizenzstreitigkeiten nicht ausgeliefert werden. Kaum greifen mal mehr als zwei Nutzer*innen gleichzeitig auf die Plattform zu, erleidet Moodle einen Zusammenbruch, der es bis in die Nachrichten schafft. Lehrer*innen verfügen nicht über Endgeräte, um Videokonferenzen abhalten zu können und die Politik überlegt sich gerade angestrengt, was denn das am wenigsten passende Modell sein könnte, das man seinen Held*innen an der Front zukommen lassen könnte. Man kennt das und schüttelt stumm den Kopf.
Meine Lieblingsstory, warum der Server nicht lief, ist aber nach wie vor: „Eine Ratte hat im Serverraum die Kabel durchgebissen“.
Das ist das „der Hund hat die Hausaufgaben gefressen“ der Bildungspolitik.

Und irgendwie haben sich da eine Menge Hunde über die Hausaufgaben der Kultusministerien hergemacht.

Ich hatte im vergangenen Spätsommer die Gelegenheit, mich bei einem virtuellen Stammtisch mit unserem Kultusminister unterhalten zu können. Dort hat er zugegeben, dass bis zur Corona-Pandemie alle Digitalisierungspläne sich darauf beschränkten, Konzepte für digitale Inhalte/Technik ergänzend zum Präsenzunterricht zu entwickeln. Man hat nie darüber nachgedacht, komplett digital und auf Distanz zu unterrichten. Geschenkt (auch wenn ich das persönlich sehr kurz gedacht finde)!

Das Schlimme an der ganzen Sache ist jedoch, dass es ein Jahr nach Beginn der Pandemie ganz offensichtlich immer noch keinen Plan gibt.
Wenn ich meinem Chef über so einen langen Zeitraum so planlos gegenübertreten würde, dann könnte ich mir aber ganz schnell einen neuen Chef suchen.

Die kommunalen Medienzentren sind massiv unterbesetzt, es gibt niemanden, der sich in den Schulen vor Ort um die Technik kümmert, jede Schule kocht ihr eigenes Süppchen, nein, ich möchte mich korrigieren: Jede*r Lehrer*in kocht ein eigenes Süppchen, weil es neben dem fehlenden Technikkonzept kein irgendwie so nennbares Medienkonzept gibt.

Ich habe nicht den Eindruck, dass an den entscheidenden Stellen überhaupt jemandem bewusst ist, dass es einen Unterschied zwischen Technikkompetenz und Medienkompetenz gibt.

Eine Anpassung des Lehrplans wird offensichtlich überhaupt nicht in Erwägung gezogen, das einzige was bisher passiert ist, ist, dass es ein neues Schulfach gibt: Lüften. Wofür wir Deutschen uns dezente Häme aus dem Ausland gefallen lassen dürfen. Zu Recht.
Selbst gekaufte oder gar von engagierten Physiklehrer*innen zusammengebaute Luftfilter dürfen nicht eingesetzt werden, weil, ach, weil wir ja auch nicht Zoom oder Teams nutzen dürfen, obwohl diese Tools genau für diesen Zweck entwickelt wurden und im privatwirtschaftlichen Sektor einwandfreien Dienst tun.
Nein, in der Schule nutzen wir Big Blue Button oder noch besser, wir programmieren was ganz tolles neues eigenes. Mit den ganzen Experten, die wir nicht kriegen, weil sie am Markt für das Geld, das wir zahlen wollen, nicht verfügbar sind. Aha.

Naja, auch wenn Zoom oder Teams über eine Hand-zur-Wortmeldung-Hebe-Funktion verfügen, ist es dennoch sinnvoller, eine Lösung ohne so etwas zu verwenden, man kann ja einfach ein M wie Meldung in den Chat schreiben. Das hat den Vorteil, dass besonders eifrige Schüler*innen nicht auf hektisches Schnippsen verzichten müssen und einfach MMMMMMMMMMMMMM in den Chat schreiben können!1!!Einself!.

Vom ganzen Geld aus dem Digitalpakt ist bisher lediglich ein Siebtel abgerufen worden.
Worauf möchte man bitte warten? Bis Corona vorbei ist und alles wieder zum normalen Präsenzunterricht zurückfällt und das medientechnisch Neuste in der Schule wieder der Overheadprojektor ist, zusammen mit dem schiebbaren Röhrenfernseher mit Videorekorder, auf dem man „Zurück in die Zukunft“ zum hundertsten Mal schaut, weil kurz vor den Ferien/Schuljahresende/Zeugnissen/Mittwoch … eh nix mehr passiert und es auch gar keine anderen Videokassetten mehr gibt?
Das Smartboard steht derweil traurig in der Ecke, weil es entweder keine Software-Updates mehr für dieses Modell gibt, oder der/die dafür geschulte Lehrer*in gerade in Rente/Elternzeit/Burnoutklinik ist und die IT-Lehrkraft noch drölfzig Jahre Überstunden aus der akuten Coronazeit abbauen muss.

Es muss dringend etwas passieren.
Und zwar etwas, das gesteuert und konzertiert erfolgt. Und von Leuten, die sich mit sowas auskennen. Die gibt es. Da muss man vielleicht aber mal ein wenig Geld aus dem Digitalpakt in die Hand nehmen und nicht eine*n Praktikant*in nominieren plus eine halbe Stelle mit jemandem aus irgendeinem inhaltlich weit entfernten Orchideenministerium besetzen, der in der Freizeit gerne Candy Crush spielt.
Da darf nach einem Jahr nicht lediglich ein Leitfaden rauskommen, bei dem es drei Seiten mit „Weiterführende Anregungen und konzeptionelle Hinweise zur Ausgestaltung des Distanzunterrichts“ gibt und auf zwei Seiten „Empfehlungen zum Medieneinsatz“ ausgesprochen werden. Gefüllt mit Plattitüden, die sich jede Schule selbst innerhalb von zwei Stunden erarbeitet hatte.
Irgendwie muss ich gerade an diese alte Sparkassenwerbung denken: Wir könnten jetzt was Tolles auf die Beine stellen, aber wir machen das mit den Fähnchen.

Wir Eltern schreiben derweil Brief um Brief an die verantwortlichen Stellen und bekommen entweder gar keine Antworten oder Antworten in verschwurbeltstem Amtsdeutsch, die sich an Belanglosigkeit und Ausreden überbieten. Höchstens von Oppositionsparteien kommt manchmal ein „Ja, wenn wir das Sagen hätten …“
Der Stadtelternbeirat Wiesbaden hat auf seiner Webseite einen Faktencheck mit verschiedenen KPIs  zur Digitalisierung veröffentlicht, um das ganze Elend mal sichtbar zu machen. Monatlich soll man hier den Fortschritt der Digitalisierung nachverfolgen können. Spoiler: die letzten Monate gab es zumindest keinen und die verantwortlichen Stellen geizen mit der Herausgabe der benötigten Daten.

Demnächst sind in Hessen Kommunalwahlen. Zeit, mal zu überprüfen, wer sich denn die Bildungspolitik in die Programme geschrieben hat. Und nein, die Sache mit der Digitalisierung der Schulen ist nämlich nicht nur Ländersache. Die ganzen infrastrukurellen und baulichen Voraussetzungen an Schulen, damit es überhaupt ausreichend Steckdosen, sichere Aufbewahrung für die ganzen Geräte, technische Fachkräfte vor Ort gibt etc., das alles sind kommunale Aufgaben, die man im Blick haben muss und worum man sich auch kompetent kümmern muss.

Und im Herbst wird eine neue Bundesregierung gewählt. Auch wenn meine Kinder sich gar nicht vorstellen können, dass ein Mann Bundeskanzlerin sein könnte. Wieso auch? Sie kennen es ja nicht anders.
Es liegt hier an jedem von uns, Druck auf die entsprechenden Stellen auszuüben, damit sich hier außer leeren Versprechungen endlich mal was tut. Das bedeutet, sich zu informieren, zur Wahl zu gehen, oder vielleicht einfach nur diesen Beitrag hier in den sozialen Netzwerken zu teilen, um damit auszudrücken, dass es uns nicht einfach egal ist, wenn fahrlässig mit der Zukunft unserer Kinder gespielt wird, weil man sich im inkompetenten Kompetenzgerangel nicht einig wird, wie man den Schalter für die Digitalisierung der Schulen jetzt endlich mal auf „On“ gestellt bekommt.

Ansonsten habe ich mir auch einen Hashtag überlegt, den wir neben #Coronaeltern verwenden können, um auf die Sache aufmerksam zu machen: #Digitalpaktsendlichan!
Ich würde mich sehr freuen, wenn wir alle zusammen noch lauter werden.

Jetzt schaue ich aber erst mal nach, ob meine Kinder gerade konzentriert am Homeschoolen sind.

Mein Dank gilt an dieser Stelle übrigens ganz besonders Bodo Ramelow, der so öffentlichkeitswirksam bei der Ministerpräsidentenkonferenz Candy Crush gespielt hat. Seitdem nimmt die Lateinlehrerin nämlich die üblichen Verdächtigen häufiger dran und macht somit das parallele Fortnite-Zocken während den Videokonferenzen nahezu unmöglich.

2 Gedanken zu „Bildungspolitik im Distanzunterricht: Setzen, sechs! #digitalpaktsendlichan!

  1. turnierwart

    „Isch reesch misch net uff, isch reesch misch net uff, isch reesch misch net uff …“
    Ommmm… gelingt nur leider zu selten 😂😂😂

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